Crashtest und Kopfsteinpflaster 22.07.2021, 13:54 Uhr

ADAC testet Fahrradsysteme zum Kindertransport

Der Autoclub ADAC hat mehrere Möglichkeiten zum Kindertransport mit dem Fahrrad getestet: zwei Cargo-Räder, ein Longtail, einen Anhänger und einen Nachläufer. „Sicherheit noch ausbaufähig“, so das Ergebnis des Crashtests.
Crashtest mit Lastenrad
(Quelle: ADAC / Uwe Rattay)
Getestet wurden ein Fahrradanhänger, ein einspuriges Lastenrad Typ „Long John“ (Transportbox zwischen Vorderrad und Fahrer), ein mehrspuriges Cargorad (vorne zwei Räder, hinten eines, Transportbox vorne) und ein so genanntes Longtail mit extralangem Heck für bis zu zwei Kindersitze. Weiterhin wurden ein so genannter Nachläufer getestet: mittels einer Verbindung wird das Kinderrad vom vorne fahrenden Erwachsenenrad gezogen, das Vorderrad hängt dabei in der Luft, ein weiteres Kind kann auf dem Erwachsenenfahrrad im Kindersitz mitgenommen werden.
Der ADAC hat sich Handhabung, Komfort, Fahrverhalten und Sicherheit der verschiedenen Systeme angesehen. Das Ergebnis: Jedes einzelne hat seine Vorzüge, aber auch Nachteile. Und: Besonders bei der Sicherheit gibt es noch Nachholbedarf.
Wie sicher sind die Systeme?
In seiner Crash-Halle hat der ADAC einen Unfall nachgestellt: Ein Auto trifft mit einer Geschwindigkeit von 30 km/h und einem Winkel von 45 Grad auf die fünf verschiedenen Fahrradtransportsysteme. An Bord der Fahrräder: ein Erwachsenendummy und zwei Kinderdummys.
Das Ergebnis: Das Cargorad mit Transportbox und das zweispurige Lastenrad kippten in Folge des Aufpralls auf die Seite und schlitterten auf Grund der glatten Oberfläche der Transportboxen deutlich weiter als die Systeme ohne Transportbox – im schlimmsten Fall in den Gegenverkehr mit entsprechend gefährlichen Folgen.
Der ADAC kritisiert außerdem die klappbare Sitzbank des Long-John-Modells (Kiwi Bikes, Berlin), an der auch das Gurt- und Rückhaltesystem befestigt ist. Durch die Kräfte beim Aufprall werde dieses aus der Verankerung gerissen. Weil dann die Gurte nicht mehr gestrafft sind, geht die Rückhaltewirkung verloren und die Dummys fallen nach dem Crashversuch aus der Transportbox. Die Rückhaltesysteme sollten daher verbessert werden.
Auch wenn ein Crash mit einem Auto für den Fahrradfahrer nie besonders gut ausgeht, sieht der ADAC Vorteile beim Fahrradanhänger (Croozer) und dem Longtail-Fahrrad (Yuba „Mundo“, Hersteller: Electric Bike Solutions, Heidelberg) mit der hohen Sitzposition für Kinder, die zudem in Kindersitzen untergebracht sind. Das schlechteste Bild gibt der Nachläufer ab. Das System bietet keinen zusätzlichen Schutz für das Kind auf dem eigenen Fahrrad: Hüfte und Beine werden beim Crash direkt getroffen, der Dummy prallt mit dem Kopf auf den Asphalt und schlittert ungeschützt weiter.
Handhabung und Fahrverhalten
Nicht nur bei der Sicherheit, auch bei den übrigen bewerteten Kategorien fallen die Ergebnisse recht unterschiedlich aus. Der Nachläufer und der zusammenklappbare Fahrradanhänger erfordern weniger Abstellplatz und können leichter transportiert werden. 
Große Unterschiede auch beim Fahrverhalten. So lassen sich das Longtail, der Fahrradanhänger und das Nachläufersystem sehr konventionell bewegen, erst mit viel Gepäck oder zwei Kindern auf dem großen Gepäckträger macht sich der hohe Schwerpunkt beim Fahren bemerkbar und es wird etwas kippeliger. Schlecht: Der Bremshebel am Lenker des Long John berührt beim Lenken die Köpfe der Insassen.
Wegen ihrer Breite haben die beiden anderen Transportfahrräder wie auch der Fahrradanhänger auf dem Fahrradweg, bei Begrenzungspollern und auf Wegen mit vielen Fußgängern mit ihren üppigen Abmessungen zu kämpfen. Speziell das eher träge Fahrverhalten des mehrspurigen Babboe-Lastenrads fällt hier negativ auf, wie auch das einspurige Long John, das sich bei geringer Geschwindigkeit als etwas wackelig erweist. Am überzeugendsten sind bei Handhabung und Fahrverhalten das Longtail und der Fahrradanhänger.
Welches System bietet den größten Komfort?
Das einspurige Lastenfahrrad „Long John“ bot beim Überfahren einer Schwelle und auf Kopfsteinpflaster hohen Komfort, das mehrspurige Lastenfahrrad überzeugte beim Randstein als besonders komfortables System. Das Longtail konnte lediglich beim Überfahren von Schwellen mithalten.
Insgesamt schnitten der gefederte Fahrradanhänger und das „Long John“ am besten von allen Systemen ab, wenn auch beide bei der Randsteinprüfung schwächelten. Besonders auffällig waren die Unterschiede zwischen gefedertem und ungefedertem Fahrradanhänger. Mit Federsystem konnte die Belastungen auf die Kinder beim Überfahren der Hindernisse um bis zu 50 Prozent reduziert werden. Der Aufpreis für einen Anhänger mit Federung lohnt sich also“, empfiehlt der ADAC.
Der ADAC empfiehlt das Longtail den Kunden, die hohe Sicherheit für die Kinder sowie ein gutes Fahrverhalten und einfache Handhabung möchten. Wer gute Sicherheit, Flexibilität und hohen Komfort möchte, dem raten die Testexperten zum gefederten Fahrradanhänger. Das einspurige Lastenrad, Typ „Long John“, empfehlen die Tester, wenn man einen Autoersatz möchte, auch längere Strecken fährt und Einkäufe transportiert. Wer einen Autoersatz möchte und eher Kurzstrecken mit vielen Zwischenstopps fährt und Einkäufe transportiert, greift zum Mehrspurer. Wer meist nur ein Kind transportiert und das zweite Kind nur gelegentlich und zeitlich begrenzt mitnimmt, für den ist der Nachläufer die richtige Wahl, so der ADAC.
Der ADAC empfiehlt außerdem ausdrücklich eine Probefahrt vor dem Kauf. Die vorhandenen Rückhaltevorrichtungen müssen gut an den Kindern sitzen und dürfen nicht über die Schultern rutschen. Dies ist unerlässlich, damit die Rückhaltesysteme auch ihre schützende Funktion ausüben können.



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