ADFC-Fahrradklima-Test 2018 09.04.2019, 15:15 Uhr

Karlsruhe erstmals fahrradfreundlichste Großstadt

Karlsruhe ist erstmals fahrradfreundlichste Stadt seiner Größenklasse. Deutschlandweit ist die Zufriedenheit der Radfahrer von der Gesamtnote 3,8 auf 3,9 gesunken. Am Rande gab es ein bemerkenswertes Lob aus der Branche für Bundesminister Scheuer.
In Berlin nahmen Prof. Dr. Anke Karmann-Woessner, Leiterin des Stadtplanungsamtes, und Bereichsleiter Ulrich Wagner die Auszeichnung von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (links) und dem ADFC-Bundesvorsitzenden Ulrich Syberg (rechts) entgegen.
(Quelle: ADFC )
Andreas Scheuer, Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur, kommentiert den Entscheid: „Der ADFC-Fahrradklima-Test gibt Städten und Kommunen Hinweise darüber, was sich die Menschen an Verbesserungen wünschen, um den Radverkehr noch attraktiver und sicherer zu machen. Deshalb fördern wir den Test seit mittlerweile acht Jahren. Die heutigen Preisträger zeigen: Langjähriges Engagement und konsequente Radverkehrsförderung in den Kommunen zahlen sich aus. Ich wünsche mir viele Nachahmer. Der Fahrradklima-Test zeigt den Städten und Kommunen auf, wo sie ansetzen können, um den Radverkehr vor Ort weiter zu verbessern.“ Scheuer weist darauf hin, dass entgegen eines weit verbreiteten Missverständnisses die Städte und Kommunen sind für die Kontrolle und die Radwege vor Ort zuständig sind, nicht der Bund. Das Bundesverkehrsministerium fördere Radwege an Bundestraßen, Radschnellwege, innovative Modellprojekte wie zum Beispiel zur Erprobung von Lastenrädern in Logistikketten, Abbiegeassistenten oder sogar Stiftungsprofessuren für die Forschung und die Ausbildung von Fachpersonal. „Ich fordere die Kommunen auf, die Bundesmittel noch stärker zu nutzen. Das Bundesverkehrsministerium stellt 2019 allein rund 200 Millionen Euro Fördermittel für den Radverkehr bereit. Gemeinsam können wir das Fahrradklima mit neuen Maßnahmen wie attraktiven Radschnellwegen weiter verbessern“, so Scheuer.
Rebecca Peters, Mitglied des ADFC-Bundesvorstands sagt: „Bei uns klingeln die Alarmglocken, wenn wir sehen, dass Radfahrerende sich nicht sicher fühlen. Denn wir wissen, dass ungute Gefühle beim Radfahren, Stress und Angst die Menschen vom Radfahren abhalten. Dagegen müssen wir etwas unternehmen. Wir brauchen gute, breite Radwege, getrennt vom starken Autoverkehr, durchgängige Netze, Radschnellwege für Pendler und viel mehr komfortable Fahrradparkhäuser. Denn mehr Radverkehr ist gut für alle: Menschen, Städte und das Klima.“
Bundesminister Scheuer zeichnete heute im Bundesverkehrsministerium als fahrradfreundlichste Städte und Gemeinden aus:
  • Bremen (Note 3,5) in der Klasse der Städte über 500.000 Einwohner. Hannover (3,8) und Leipzig (3,9) auf Platz 2 und 3
  • Karlsruhe (Note 3,1) in der Klasse der Städte über 200.000 Einwohner. Münster (3,3) und Freiburg (3,4) auf Platz 2 und 3
  • Göttingen (Note 3,3) in der Klasse über 100.000 Einwohner. Erlangen (3,4) und Oldenburg (3,5) auf Platz 2 und 3
  • Bocholt (Note 2,4) in der Klasse über 50.000 Einwohner. Nordhorn (2,6) und Konstanz (3,1) auf Platz 2 und 3
  • Baunatal (Note 2,7) in der Klasse über 20.000 Einwohner. Ingelheim am Rhein (2,7) und Rees (3,0) auf Platz 2 und 3
  • Reken (Note 2,0) in der Klasse unter 20.000 Einwohner. Wettringen (2,0) und Heek (2,4) auf Platz 2 und 3.
Gegenüber Karlsruhe ist die angestammte Siegerstadt Münster beim ADFC-Fahrradklima-Test 2018 leicht zurückgefallen, weil nach Auffassung der Befragten in Münster in jüngster Zeit nicht genug für die Fahrradförderung getan wurde. Fehlende Abstellanlagen und häufiger Fahrraddiebstahl wurden ebenfalls kritisch bewertet.
Am stärksten seit dem letzten ADFC-Fahrradklima-Test aufgeholt haben jeweils in ihrer Größenklasse Berlin (Note 4,3), Wiesbaden (Note 4,4), Offenbach (Note 3,6), Konstanz (Note 3,1), Emmendingen (Note 3,5) und Oschatz (Note 4,0). Peters: „An Berlin sehen wir, dass es von den Radfahrenden schon als positiv bewertet wird, wenn die Stadt sich auf den Weg macht, bessere Bedingungen für den Radverkehr zu schaffen. Von einer guten Fahrradstadt ist Berlin noch weit entfernt, aber eine Aufbruchsstimmung wird schon wahrgenommen.“ 
Den Sonderpreis als familienfreundlichste Fahrradstadt erhielt die Stadt Wettringen (Note 2,0). Hier sind die Menschen mehrheitlich der Meinung, dass man auch Kinder ohne schlechtes Gewissen allein mit dem Rad fahren lassen kann – und dass es genug Platz auf den Radwegen gibt, um auch mit Kinderanhänger oder Lastenrad bequem unterwegs zu sein.
Schlusslichter in ihren Größenklassen sind Köln (Note 4,4), Wiesbaden (4,4), Remscheid (4,7), Lüdenscheid (4,7), Hof (4,8) und Dittelsheim-Heßloch (4,7). Diese Städte werden von den Radfahrenden mehrheitlich als fahrradunfreundlich bewertet.
Gesamtnote 3,9 - weiter leicht gesunken
Das Fahrradklima, also die Zufriedenheit der Befragten beim Radfahren, hat sich nach Einschätzung von 170.000 Teilnehmern der ADFC-Umfrage weiter verschlechtert. 2014 wurde das Fahrradklima noch mit 3,7 bewertet, 2016 mit 3,8 – 2018 mit 3,9. Besonders bedenklich ist der Trend, dass die Menschen sich immer unsicherer beim Radfahren fühlen (Note 4,2 gegenüber 3,9 in 2016).
Falschparker und zu schmale Radwege machen Probleme
Der zu lasche Umgang mit Falschparkern ist bundesweit mittlerweile das am meisten bemängelte Thema (Note 4,5). Besonders unzufrieden sind die Radfahrer auch mit der schlechten Führung des Radverkehrs an Baustellen (Note 4,5). Ebenfalls schlecht bewertet werden ungünstige Ampelschaltungen für Radfahrer (Note 4,4) und die fehlende Breite der Radwege (Note 4,4).
Zügiger Radverkehr und geöffnete Einbahnstraßen werden gelobt
Am besten werden von den Befragten die gute Erreichbarkeit des Stadtzentrums (Note 2,8), die Möglichkeit zum zügigen Radfahren (Note 3,0) und die Öffnung von Einbahnstraßen in Gegenrichtung für Radfahrende (Note 3,2) bewertet. Die Zusatzfragen haben ergeben, dass es den Befragten am wichtigsten ist, auf dem Rad als Verkehrsteilnehmer akzeptiert zu werden, sich sicher zu fühlen, hindernisfreie Radwege vorzufinden, wenig Konflikte mit Fußgängern zu haben und auf breiten Wegen für den Radverkehr unterwegs zu sein. 81 Prozent der Befragten ist es wichtig, vom Autoverkehr getrennt Rad zu fahren, unter den Frauen sind es sogar 86 Prozent.
Hintergrund zum ADFC-Fahrradklima-Test
Der ADFC-Fahrradklima-Test ist nach Darstellung des ADFC die größte nicht-repräsentative Umfrage zur Zufriedenheit der Radfahrer weltweit. Im Herbst 2018 wurden bundesweit per Online-Umfrage 32 Fragen zur Fahrradfreundlichkeit gestellt - beispielsweise, ob das Radfahren Spaß oder Stress bedeutet, ob Radwege von Falschparkern freigehalten werden und ob sich das Radfahren auch für Familien mit Kindern sicher anfühlt. Mehr als 170.000 Bürger haben sich laut ADFC an der Umfrage beteiligt und die Situation in 683 Städten und Gemeinden beurteilt. Nur 15 Prozent der Teilnehmer seien ADFC-Mitglieder. Städte haben durch die Einzelbewertungen die Möglichkeit, gezielt zu erfahren, wo es gut läuft – und wo es Verbesserungspotenzial bei der Fahrradfreundlichkeit gibt. 
Der Fahrradklima-Test fand zum achten Mal statt. Das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) hat den ADFC-Fahrradklima-Test 2018 aus Mitteln zur Umsetzung des Nationalen Radverkehrsplans (NRVP) gefördert.
Fahrradexperte lobt Scheuer
Auch Albert Herresthal, Geschäftsführer des Verbund Service und Fahrrad (VSF), war anwesend. Ihm fiel auf, dass sich der Bundesminister Andreas Scheuer erstmalig in dieser Form Zeit für eine Fahrrad-Veranstaltung genommen hatte, und zwar ganze anderthalb Stunden. Herresthal lobt, Scheuer habe eine längere Rede gehalten, die inhaltlich engagiert und auch mit selbstironischen Anteilen versehen war, etwa zur „Looks like shit…“-Helmkampagne. Unter anderem zitiert der VSF-Mann den Bundesverkehrsminister mit: „Wir wollen ja mehr Mobilität bei weniger Automobilverkehr … und da kann das Zweirad eine erhebliche, gute Rolle spielen“. Und etwas später: „Ich werde fälschlicherweise immer dargestellt als der Automobilminister Deutschlands, ich möchte aber beweisen durch meine politischen Entscheidungen und durch unsere politischen Konzepte, dass ich auch der Fahrradminister Deutschlands bin und dazu stehe ich.“
Herresthal meint: „Heute haben wir im BMVI etwas erlebt, was ein Stück Normalität sein sollte und es hoffentlich künftig auch wird: Der Bundesverkehrsminister spricht engagiert auf einer Veranstaltung zum Radverkehr, er bekennt sich ausdrücklich zu seiner Verantwortung für den Radverkehr und er nimmt sich Zeit für das Thema. Der VSF e.V. begrüßt diese Entwicklung und ist mit dem BMVI im Gespräch, damit dies keine Eintagsfliege bleibt“.



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