"Wir wollen ein relevanter Player werden"

Foto: Lion Bikes

Nach seiner erfolgreichen Karriere als Radprofi hat der Deutsche
Tony Martin eine neue Aufgabe gefunden - als Mitgründer
der Kinderfahrradmarke Lion Bikes. SAZbike sprach mit dem
mehrfachen Weltmeister über das Projekt.

Achtfacher Weltmeister, mehrfacher Etappensieger bei der Tour de France und Olympiasilbermedaillengewinner: Tony Martin gehörte über
viele Jahre zu den prägenden Figuren des internationalen Radsports. Auch nach dem Ende seiner erfolgreichen Profikarriere im Jahr 2021 blieb der Deutsche der Fahrradbranche eng verbunden.

Gemeinsam mit dem eben falls früheren Radprofi Marcel Kittel und weiteren Partnern gründete er das Start-up Lion Bikes, das sich auf innovative Fahrräder für Kinder und Jugendliche spezialisiert hat. Das Besondere: Lion Bikes setzt auf einen neu entwickelten Rahmen aus nachhaltigen Kunststoffverbundstoffen, eine integrierte Beleuchtung und ein Design, das gezielt auf Sicherheit und Sichtbarkeit im Straßenverkehr ausgerichtet ist.

Ziel ist es, das Segment der Kinderfahrräder technologisch und gestalterisch neu zu denken. Nach mehreren Entwicklungsphasen und dem Aufbau der Produktionsstrukturen sollen die Fahrräder nun im Frühjahr erstmals in den Verkauf gehen. Darüber - aber auch über den Weg vom Profisportler zum Unternehmer, die Herausforderungen eines Start-ups und seine persönlichen Erfahrungen bei der Suche nach dem richtigen Kinderfahrrad - sprachen wir mit Martin im Interview

SAZbike: Herr Martin, viele kennen Sie als einen der erfolgreichsten Zeitfahrer der Welt. Wie hat sich Ihr Leben verändert, seit Sie Ihre Profikarriere beendet haben?

Tony Martin: Der größte Unterschied ist sicherlich, dass ich heute deutlich mehr Zeit am Schreibtisch verbringe. Als Profi war mein Alltag klar strukturiert: Training, Wettkämpfe, Regeneration. Heute besteht ein großer Teil meiner Arbeit aus Meetings, Telefonaten und organisatorischen Themen. Das ist eine ganz andere Welt. Gleichzeitig versuche ich aber, den Sport weiterhin als Ausgleich zu behalten, denn ich kann nicht acht Stunden am Stück im Büro sitzen [lacht; Anm. d. Red.]. Deshalb gehe ich nach wie vor regelmäßig aufs Rad oder laufe viel. Bewegung gehört einfach zu meinem Alltag.

Über Tony Martin

Tony Martin gehört zu den erfolgreichsten Zeitfahrern der jüngeren Radsportgeschichte. Der gebürtige Cottbuser wurde viermal Weltmeister im Einzelzeitfahren (2011, 2012, 2013 und 2016), dreimal Weltmeister im Mannschaftszeitfahren (2012, 2013 und 2016) und einmal Weltmeister im Mixed-Relay (2021). Zudem gewann er während seiner Karriere zahlreiche Etappen bei großen Rundfahrten - unter anderem war er fünfmal bei der Tour de France erfolgreich. Nach mehr als einem Jahrzehnt im Profipeloton beendete Martin 2021 seine aktive Laufbahn. Bereits während seiner Karriere beschäftigte er sich intensiv mit Technik, Material und Innovationsfragen im Radsport - Themen, die ihn nun auch nach dem Karriereende begleiten. Innerhalb des Unternehmens Lion Bikes kümmert er sich vor allem um technische Themen wie Materialentwicklung, Einkauf und Produktionsprozesse.

SAZbike: Wie kam die Idee auf, nach Ihrer Karriere eine eigene Fahrradmarke zu gründen?

Martin: Der Ursprung liegt eigentlich schon fünf oder sechs Jahre zurück. Damals habe ich das erste Kinderfahrrad für meine Tochter gesucht und ich hatte offen gesagt überhaupt keine Ahnung von Kinderfahrrädern. Deshalb bin ich zusammen mit meinem Vater, der sich im Fahrradbereich sehr gut auskennt, durch verschiedene Fahrradläden gefahren. Am Ende war das eine richtige Odyssee. Ich habe einfach nichts gefunden, was mich wirklich überzeugt hat.

SAZbike: Was hat Sie daran besonders gestört?

Martin: Als Radprofi ist man natürlich sehr technik- und Innovationsaffin. Man ist Hightech gewohnt, modernes Design und Individualität. Bei Kinderfahrrädern hatte ich dagegen oft das Gefühl, dass die Branche vor 20 Jahren stehen geblieben ist. Ich habe kaum innovative Konzepte gesehen - vor allem nicht, wenn es um Design oder Fahrspaß für Kinder ging. Und Themen wie Verkehrssicherheit oder Sichtbarkeit im Straßenverkehr waren aus meiner Sicht viel zu wenig präsent. Diese Kombination aus modernem Design, Spaß und Sicherheit habe ich einfach nicht gefunden.

SAZbike: Wie wurde daraus schließlich ein konkretes Projekt?

Martin: Marcel Kittel hat diesen ganzen Prozess damals auf unseren Trainingsfahrten miterlebt. Ich habe ihm erzählt, wie schwierig die Suche nach einem passenden Fahrrad war. Sein Sohn ist etwas jünger als meine Tochter, aber kurze Zeit später stand er vor genau demselben Problem. So hat sich über Monate hinweg immer wieder die Frage gestellt: Was könnte man eigentlich besser machen? Irgendwann kam dann ein alter Schulfreund von Marcel mit der Idee auf ihn zu, im Kinderfahrradbereich ein Projekt zu starten. Dann haben wir uns zusammengesetzt, unsere Ideen gebündelt und beschlossen, das Thema gemeinsam anzugehen.

SAZbike: Wie haben Sie den Aufbau der Marke organisiert?

Martin: Am Anfang war das wirklich klassisches Start-up-Leben. Wir Gründer haben das Projekt angeschoben und zunächst auf eigenes Risiko gearbeitet. Parallel haben wir unser Netzwerk in der Fahrradwelt genutzt, um Partner zu finden. Irgendwann hatten wir ein Stadium erreicht, in dem wir unsere Idee visualisieren und auch Investoren präsentieren konnten. Das hat uns geholfen, den nächsten Schritt zu gehen.

Über Lion Bikes

Lion Bikes ist ein deutsches Start-up, das sich auf innovative Fahrräder für Kinder und Jugendliche spezialisiert hat. Gegründet wurde das Unternehmen von einer Gruppe um die ehemaligen Radprofis Tony Martin und Marcel Kittel sowie weitere Partner aus Wirtschaft und Fahrradbranche. Die Marke konzentriert sich vor allem auf Fahrräder für Schulkinder zwischen etwa sechs und 15 Jahren - also jene Altersgruppe, die erstmals regelmäßig selbstständig im Straßenverkehr unterwegs ist. Entsprechend steht das Thema Sicherheit im Mittelpunkt des Konzepts. Ein zentrales Merkmal der Räder ist eine integrierte Beleuchtungslösung, die für bessere Sichtbarkeit im Alltag sorgen soll. Technologisch setzt Lion Bikes zudem auf innovative Materialien. Besonders im Fokus steht ein Rahmen aus nachhaltigen Kunststoffverbundstoffen. Die Produktion und Montage erfolgen weitgehend in Europa, um Transportwege zu verkürzen und Lieferketten stabiler zu gestalten.

SAZbike: Sie konzentrieren sich vor allem auf Fahrräder für Schulkinder. Warum genau diese Zielgruppe?

Martin: Am Anfang haben wir tatsächlich versucht, auch sehr kleine Kinderfahrräder zu entwickeln. Da sind wir relativ schnell an Grenzen gestoßen. Irgendwann wurde uns klar: Die Kinder, die zur Schule fahren, sind eigentlich die Gruppe, die unseren Support am meisten braucht. Das sind Kinder ab sechs oder sieben Jahren, die sich zum ersten Mal selbstständig im Straßenverkehr bewegen. Gerade dort spielen Themen wie Sichtbarkeit, Sicherheit und Alltagstauglichkeit eine enorme Rolle. Aus dieser Perspektive ist dann unser Konzept entstanden.

SAZbike: Welche Aspekte sind Ihnen persönlich bei einem guten Kinderfahrrad besonders wichtig?

Martin: Zunächst einmal muss man sich anschauen, wofür das Fahrrad genutzt wird. Fährt das Kind viel im Straßenverkehr? Muss es regelmäßig Straßen überqueren? Ist es vielleicht auch mal in der Dämmerung unterwegs? Dann wird Beleuchtung extrem wichtig. Ob das eine integrierte Lösung wie bei unseren Rädern ist oder eine Akkubeleuchtung, ist am Ende eine andere Frage - aber Licht ist entscheidend. Dann spielen natürlich Dinge wie Schutzbleche, Gepäcklösungen oder ein stabiler Ständer eine Rolle. Viele
Kinder fahren täglich mit Schulranzen zur Schule. Da braucht es Lösungen, die im Alltag funktionieren. Und ganz wichtig ist: Das Kind sollte unbedingt beim Kauf dabei sein. Die richtige Größe, eine gute Ergonomie, aber auch ob das Rad gefällt, sind entscheidend.

Foto: Lion Bikes

SAZbike: Der Wechsel vom Profisportler zum Unternehmer ist ein großer Schritt. Was war für Sie dabei die größte Herausforderung?

Martin: Im Sport ist vieles einfacher strukturiert. Man setzt sich ein klares Ziel, erarbeitet einen Plan und gibt 110 Prozent, um dieses Ziel zu erreichen. Wenn man Talent hat, hart trainiert und ein gutes Team um sich herum hat, steht dem Erfolg eigentlich wenig im Weg. Im Business funktioniert das nicht immer so. Man ist viel stärker von externen Faktoren abhängig - von Partnern, Lieferketten oder Marktbedingungen. Da kann es passieren, dass plötzlich ein Container irgendwo feststeckt und man seine Teile nicht bekommt. Solche Dinge musste ich erst lernen zu akzeptieren.

SAZbike: Was sind die nächsten Schritte für Lion Bikes?

Martin: Der wichtigste Schritt ist jetzt, unsere Fahrräder in den Handel zu bringen. Wir arbeiten mit europäischen Partnern in der Montage zusammen und stehen kurz davor, die ersten Serien auszuliefern. Das Feedback aus der Branche ist bisher sehr positiv. Besonders das Thema Sicherheit für Kinder, aber auch unser Kunststoffrahmen und die integrierte Beleuchtung stoßen auf großes Interesse.

SAZbike: Wo sehen Sie die Marke in den nächsten Jahren?

Martin: Natürlich hoffen wir, dass wir langfristig ein relevanter Player im Markt werden. Es geht uns aber nicht nur um Verkaufszahlen. Wir wollen vor allem Aufmerksamkeit für das Thema Kindersicherheit im Straßenverkehr schaffen. Wenn wir es schaffen, dass Sichtbarkeit, Sicherheit und nachhaltige Produktion stärker in den Fokus rücken, wäre das ein großer Erfolg. Und wenn Lion Bikes in Mittel- und Nordeuropa eine feste Größe wird, wäre das für uns ein schönes Ziel.

SAZbike: Herr Martin, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Werner Müller-Schell. Es erschien zuerst in der SAZbike-Sonderausgabe zur Cyclingworld Europe. Das Heft bietet tiefgehende Analysen sowie exklusive Einblicke in die Trends der Saison und kann dauerhaft im Archiv abgerufen werden.

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