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Pedelec-Tuning: Energieverbrauch könnte neuen Prüfansatz liefern

Foto: KI-generiert mit ChatGPT

Manipulierte Pedelecs sind im Straßenverkehr schwerer zu erkennen als früher. Sachverständiger Ernst Brust sieht im Energieverbrauch pro Kilometer einen möglichen Prüfparameter. Der ZIV warnt jedoch vor nicht belastbaren Zahlen und verweist auf Herstellerpflichten.

Das illegale Tuning von Pedelecs bleibt ein Thema für Hersteller, Handel, Prüforganisationen und Behörden. Nach Einschätzung von Ernst Brust, öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Mikromobilität und Geschäftsführer von Velotech, haben Manipulationen in den vergangenen Jahren zugenommen. Zugleich seien sie technisch schwerer nachweisbar geworden.

Während früher häufig nachträglich montierte Tuning-Chips verwendet wurden, kommen heute vermehrt Software-Eingriffe, App-Freischaltungen oder Online-Lizenzen zum Einsatz. Damit lässt sich die gesetzlich vorgeschriebene Motorunterstützung bis 25 km/h umgehen.

Brust sieht darin ein wachsendes Sicherheitsproblem. Manipulierte Pedelecs könnten höhere Geschwindigkeiten und Motorleistungen erreichen, als für die jeweiligen Fahrzeuge vorgesehen sind. Dadurch stiegen die Belastungen für Rahmen, Gabel, Laufräder und Bremsen. Viele Fahrräder seien für diese Beanspruchung nicht ausgelegt.

Nach Einschätzung des Sachverständigen liegt der Anteil manipulierter Pedelecs in Deutschland inzwischen deutlich höher als noch vor einigen Jahren. Für 2025 nennt Brust einen geschätzten Anteil von rund sechs Prozent. Diese Zahlen sind allerdings nicht offiziell bestätigt. Belastbare Statistiken zur Zahl getunter Elektrofahrräder in Deutschland liegen derzeit nicht vor.

Ernst Brust

Energieverbrauch als möglicher Verdachtsindikator

Als zusätzlichen technischen Prüfansatz bringt Brust den Energieverbrauch in Wattstunden pro Kilometer ins Spiel. Serienmäßige Pedelecs verbrauchen nach seiner Darstellung je nach Fahrer, Zuladung, Gelände, Temperatur und Unterstützungsstufe in der Praxis typischerweise zwischen sechs und zwölf Wh/km. Liege der Wert unter vergleichbaren Bedingungen deutlich darüber, könne dies ein Hinweis auf eine Manipulation des Antriebssystems sein.

Der Wh/km-Wert allein beweise zwar kein Tuning, könne aber als objektiver Verdachtsindikator dienen. Auffällige Fahrzeuge ließen sich so für weitergehende technische Untersuchungen auswählen. Viele moderne Antriebssysteme speichern Betriebsdaten bereits elektronisch. Würden diese Daten künftig über Bluetooth oder standardisierte Diagnoseschnittstellen zugänglich gemacht, könnten Polizeibeamte oder Sachverständige den Energieverbrauch direkt mit einem Smartphone auslesen oder aus gespeicherten Fahrdaten berechnen.

"Wir brauchen objektive Messgrößen statt Vermutungen. Der Energieverbrauch in Wh pro Kilometer ist einfach zu erfassen, reproduzierbar und könnte künftig ein wichtiger Baustein zur Erkennung manipulierter Pedelecs werden. Moderne Diagnosesysteme und Bluetooth-Technologien bieten dafür neue Möglichkeiten", sagt Brust. In Verbindung mit Leistungs-, Beschleunigungs- und Geschwindigkeitsmessungen könne daraus ein praxisgerechtes Prüfverfahren entstehen.

Brust spricht sich dafür aus, den Energieverbrauch pro Kilometer als ergänzenden technischen Prüfparameter zu standardisieren. Ein solches Verfahren könne Polizei, Sachverständige und Prüforganisationen unterstützen und einen Beitrag zur Verkehrssicherheit leisten.

Foto: iStock.com/Greice Baltieri

ZIV mahnt zu belastbarer Datengrundlage

Der Zweirad-Industrie-Verband ordnet das Thema auf Anfrage der SAZbike grundsätzlich ebenfalls als relevant ein. Das Tuning von Elektrofahrrädern sei ein Problem, das der Verband sowohl auf deutscher Ebene im ZIV als auch auf europäischer Ebene in der Cycling-Industrie adressiere. Zugleich warnt der Verband davor, Schätzwerte zum Anteil manipulierter Pedelecs ohne Einordnung zu verwenden.

Die von Brust genannten Prozentwerte seien nach ZIV-Einschätzung nicht verifiziert und nicht belastbar. Es gebe keine offiziellen Zahlen dazu, wie viele Elektrofahrräder in Deutschland tatsächlich manipuliert seien. Das ändere jedoch nichts daran, dass getunte Fahrzeuge existierten und jedes einzelne davon ein Problem darstelle.

Inhaltlich teilt der Verband die Einschätzung, dass manipulierte Pedelecs mechanische Komponenten stärker belasten können. Auch die geringe Hemmschwelle für Tuning sieht der ZIV kritisch. Häufig werde die Manipulation als Kavaliersdelikt betrachtet, etwa mit dem Hinweis, dass man auch mit einem Fahrrad schneller als 25 km/h fahren könne. Diese Argumentation greife jedoch zu kurz, da es bei Pedelecs um die technisch begrenzte elektrische Unterstützung gehe.

Hersteller und Marktüberwachung im Fokus

Zur Frage, ob die gesetzlichen Vorgaben für S-Pedelecs ein Grund für illegales Tuning sind, äußert sich der ZIV zurückhaltend. "S-Pedelecs sind in der Spitze und im Durchschnitt deutlich schneller als EPACs. Die Einstufung ist Kraftfahrzeug ist durchaus gerechtfertigt. Natürlich kann und sollte über bestimmte Erleichterung in der Nutzung, z.B. Radwege außerorts, gesprochen werden" meint Tim Salatzki, CTO beim ZIV.

Den von Brust vorgeschlagenen Ansatz über den Energieverbrauch bewertet der Verband als grundsätzlich nachvollziehbar. Offen sei jedoch, ob Anbieter von Tuning-Kits künftig auch diesen Wert manipulieren könnten. Damit wäre der Wh/km-Wert aus Sicht des ZIV allenfalls ein weiterer Anhaltspunkt, nicht aber ein abschließender Nachweis.

Als zentral sieht der Verband deshalb Maßnahmen auf Herstellerseite. "Wichtig ist das Erschweren und möglichst Verhindern von EPAC-Tuning durch den Hersteller des EPAC bzw. Antriebssystems. Hier arbeiten wir intensiv an der Weiterentwicklung der entsprechenden europäischen Spezifikation, die Maßnahmen zur Verhinderung beschreibt", erklärt Tim Salatzki. Darüber hinaus arbeite die Branche an genaueren Festlegungen, welche technischen Vorkehrungen Hersteller treffen müssen.

Auch Marktaufsicht und Zoll sollen aus Sicht des Verbandes stärker eingebunden werden. Ziel sei es, den Behörden klare Hinweise zu geben, nach welchen Gesichtspunkten sie Produkte am Markt überprüfen können. Damit bleibt das Thema Pedelec-Tuning nicht nur eine Frage technischer Diagnose, sondern auch der Produktentwicklung, Regulierung und Marktüberwachung.

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