Lieferdienst-Fahrer tragen deutlich höheres Unfallrisiko als andere Beschäftigte

Eine Untersuchung der Technischen Universität Dresden im Auftrag des Deutschen Verkehrssicherheitsrates zeigt eine hohe Unfallbelastung bei Fahrerinnen und Fahrern App-basierter Lieferdienste. Besonders Berufseinsteiger, Zeitdruck und Defizite in der Radinfrastruktur erhöhen demnach das Risiko.
Fahrerinnen und Fahrer von App-basierten Lieferdiensten für Essen, Lebensmittel und Waren sind im Straßenverkehr einem deutlich erhöhten Unfallrisiko ausgesetzt. Das ist das zentrale Ergebnis einer Studie der Technischen Universität Dresden, die im Auftrag des Deutschen Verkehrssicherheitsrates (DVR) erstellt wurde. Demnach lag die Ereignisrate innerhalb eines Zeitraums von zwölf Monaten bei durchschnittlich 0,9 Unfällen pro Person. Rein rechnerisch erlebte damit nahezu jede befragte Lieferdienst-Fahrerin beziehungsweise jeder Lieferdienst-Fahrer einen Unfall pro Jahr.
DVR-Präsident Manfred Wirsch sieht darin deutlichen Handlungsbedarf. "Die Studie belegt, dass der Straßenraum für Riderinnen und Rider mit besonderen Risiken verbunden ist", sagt er. Wenn sich fahrradbasierte Liefermodelle weiter etablierten, dürfe dies nicht zulasten der Beschäftigten gehen. Der Schutz ihrer Gesundheit müsse Vorrang haben.

Methodik der Untersuchung
Für die Studie "Sicher unterwegs auf zwei Rädern: Verkehrsunfälle und Präventionspotenziale im Arbeitsalltag von Rider*innen" befragte die Professur für Verkehrspsychologie der Technischen Universität Dresden zwischen dem 18. Februar und dem 19. April 2026 insgesamt 709 Fahrerinnen und Fahrer von Fahrrädern, Pedelecs und Lastenrädern, die im urbanen Raum für Lieferdienste tätig sind. Ziel war es, Unfallgeschehen, Ursachen und mögliche Präventionsmaßnahmen im Arbeitsalltag der sogenannten Delivery Rider zu analysieren.
Unfallquote deutlich über anderen Branchen
Um die Ergebnisse mit anderen Wirtschaftszweigen vergleichen zu können, berechneten die Forschenden die sogenannte Tausend-Mann-Quote. Sie beschreibt, wie viele von 1.000 Vollzeitbeschäftigten pro Jahr einen meldepflichtigen Arbeitsunfall erleiden.
Mit rund 298 Betroffenen je 1.000 Beschäftigten liegt die Quote der Lieferdienst-Fahrerinnen und -Fahrer deutlich über den Vergleichswerten anderer Branchen. In der Verkehrswirtschaft sowie in den Bereichen Postlogistik und Telekommunikation lag dieser Wert im Jahr 2024 nach Angaben der Studie bei rund 34 Beschäftigten.
Besonders auffällig ist das Unfallgeschehen bei Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteigern. Wer weniger als ein Jahr im Lieferdienst tätig ist, kommt im Durchschnitt auf etwa fünf Unfälle pro Jahr. Mit zunehmender Berufserfahrung sinkt das Risiko kontinuierlich und stabilisiert sich nach etwa drei Jahren auf durchschnittlich einen Unfall jährlich.

Zeitdruck und Infrastruktur als wesentliche Risikofaktoren
Fast die Hälfte aller Unfälle ereignet sich zwischen 18 und 21 Uhr. In diesem Zeitraum treffen hohes Bestellaufkommen, Zeitdruck und häufig schlechtere Sichtverhältnisse zusammen.
71 Prozent der dokumentierten Verkehrsunfälle waren Alleinunfälle. Als häufigste Ursache nannten die Befragten rutschige Fahrbahnen durch Nässe, Laub oder Eis. Ebenfalls häufig wurden unebene Fahrbahnen, Straßenbahnschienen und Bordsteinkanten als Auslöser genannt. Unterschiede zeigen sich auch zwischen den genutzten Fahrzeugen: Fahrerinnen und Fahrer von Pedelecs berichteten häufiger von Stürzen auf glatten Oberflächen als Personen auf klassischen Fahrrädern.
Kam es zu Kollisionen mit anderen Verkehrsteilnehmenden, waren am häufigsten Pkw beteiligt, gefolgt von Fußgängerinnen und Fußgängern. Elf Prozent der Unfälle entfielen auf sogenannte Dooring-Unfälle, bei denen plötzlich geöffnete Fahrzeugtüren zum Zusammenstoß führten.
Viele Unfälle bleiben ungemeldet
Etwa jeder zweite Unfall führte nach Angaben der Studie zu Verletzungen. Besonders häufig betroffen waren Beine und Füße sowie Schultern, Arme und Hände.
Zugleich weist die Untersuchung auf eine erhebliche Dunkelziffer hin. Mehr als ein Viertel der verunglückten Rider gab an, einen Unfall noch nie beim Arbeitgeber gemeldet zu haben. Vollständig gemeldet wurden lediglich zwölf Prozent aller Unfälle. Während meldepflichtige Unfälle mit längerer Arbeitsunfähigkeit überwiegend erfasst werden, bleiben leichtere Vorfälle häufig ohne offizielle Dokumentation.

Foto: Daniela Stanek | DVR
Empfehlungen für Unternehmen und Kommunen
Aus den Ergebnissen leiten die Forschenden verschiedene Maßnahmen zur Verbesserung der Verkehrssicherheit ab. Neben einer besseren und durchgängigen Radverkehrsinfrastruktur sehen sie insbesondere Arbeitgeber in der Verantwortung. Vorgeschlagen werden unter anderem verpflichtende Schlechtwetter-Regelungen mit automatischen Lieferpausen, witterungsangepasste Routenplanung, zusätzliche Zeitpuffer während der Abendspitzen sowie verpflichtende Schulungen zu typischen Unfallursachen. Darüber hinaus empfehlen die Autoren einfach zugängliche, mehrsprachige Systeme zur Unfallmeldung und eine Unternehmenskultur, die Beschäftigte zur Meldung von Vorfällen ermutigt.
Auch Kommunen sollten nach Ansicht der Studienautoren Radverkehrsanlagen regelmäßig kontrollieren und instand halten sowie geeignete Lieferzonen schaffen, um gefährliche Halte- und Parksituationen zu reduzieren.
Für Manfred Wirsch ist der Handlungsbedarf eindeutig. "Hinter jeder Lieferung steht ein Mensch. Es ist nicht akzeptabel, dass Riderinnen und Rider täglich ihre Gesundheit aufs Spiel setzen müssen", sagt der DVR-Präsident. Erste Handlungsempfehlungen lägen nun vor – entscheidend sei, diese gemeinsam umzusetzen.