Brompton-CEO Will Butler-Adams: "Wir bauen keine Kultmarke - wir bauen nützliche Räder"

Brompton-CEO Will Butler-Adams über den schmalen Grat zwischen Kult und Wachstum, die Bedeutung des deutschen Markts und das Privileg, Menschen mit einem Faltrad glücklich zu machen.
Wer Will Butler-Adams in der Brompton-Fabrik in London besucht, erlebt einen CEO, der sein Werk mit ansteckender Energie führt. SAZbike-Chefredakteur Alexander Schmitz traf den Brompton-Chef vor Ort in Greenford, West-London - zwischen Produktionslinien, auf denen alle zwei Minuten ein Faltrad entsteht.
SAZbike: Brompton hat Kultstatus. Aber kann Kult auch zur Falle werden - wenn man aufhört zu wachsen?
Will Butler-Adams: Kultstatus interessiert uns ehrlich gesagt nicht. Was uns interessiert, ist ein Produkt, das nützlich ist, das hält und das den Alltag ein Stück besser macht. Es gibt so viel da draußen, das viel verspricht und wenig liefert.
Der Grund, warum Menschen Brompton lieben, ist kein genialer Marketing-Trick - es ist das Rad selbst. Es macht sie glücklicher. Und das überrascht sie, weil die meisten Dinge, die sie kaufen, das nicht tun. Wenn jemand etwas liebt, erzählt er seinen Freunden davon.
Das ist unsere Marketing-Kampagne. Wir konzentrieren uns darauf, gute Räder zu bauen und unsere Kunden zu betreuen. Wenn wir ein Rad verkaufen, ist das der Beginn einer 40-jährigen Beziehung. Das meinen wir ernst.

SAZbike: Bei der Cyclingworld Europe zeigte Brompton mit "Racing the Fold" eine ungewohnte Seite. Was steckt hinter der Rennserie - ernsthafter Sport oder cleveres Marketing?
Butler-Adams: Dahinter steckt vor allem Spaß. 2008 hat unser damaliger Distributor in Barcelona das erste Rennen organisiert - weil er es leid war, dass alle nur sagten: "Kleine Räder? Funktioniert das überhaupt?"
Er wollte beweisen, wie leistungsfähig das Rad ist. Ab dem dritten Jahr war das Event zu groß für ihn, also haben wir es übernommen. Von Anfang an galt: Sakko und Krawatte statt Lycra. Wir wollten es inklusiv und lustig machen - bester Look für Männer und Frauen, dazu der Le-Mans-Start.
Also ja: Spaß, Marketing und Performance-Beweis - alles gleichzeitig.

SAZbike: Das "Carbon T Line" hat Brompton in eine neue Preisklasse katapultiert. Hat dieser Schritt die Marke verändert?
Butler-Adams: Die meisten Räder müssen nicht ultraleicht sein. Bei Brompton ist das anders - weil Sie es am Ende des Arms tragen.
Ein Kilo weniger bedeutet bei uns zehn Prozent Gewichtsreduktion, bei einem normalen Rad nur ein Prozent. Wenn jemand sein Brompton seit Jahren liebt und nun die Möglichkeit hat, eines mit 7,4 Kilo zu besitzen - dann will er das.
Das ist kein Premiumspiel. Es geht um Performance. Dass Titan teuer und Carbon aufwendig zu verarbeiten ist, macht es zwangsläufig zum Premiumprodukt.
Wir betreuen noch heute E-Bikes, die wir vor einem Jahrzehnt verkauft haben.
SAZbike: E-Bikes haben den Markt umgekrempelt. Bei Brompton war der Start holprig - wo stehen Sie heute?
Butler-Adams: Holprig ist fair. Wir haben jahrelang nach einem Partner für einen E-Antrieb gesucht. Aber bei Brompton gibt es zwei Probleme: extrem wenig Platz und es muss leicht sein. Wir waren damals winzig, niemand wollte uns helfen.
Also mussten wir es selbst machen - vier Jahre lang mit Williams F1 und deren KERS-Technologie. Formel-1-Technik, die nur eine Runde überleben muss und kein Preislimit kennt, in ein Faltrad zu packen - ja, das war eine raue Fahrt.
Aber jetzt sind wir 15 Jahre dabei, haben Zehntausende E-Bikes im Markt und sind richtig gut geworden. Die Platinen sind unser eigenes Design, wir wissen, wie man Motoren baut. Dieses Know-how ermöglicht Hochleistung - und zwar nicht nur beim Kauf, sondern auch nach zehn Jahren. Wir betreuen noch heute E-Bikes, die wir vor einem Jahrzehnt verkauft haben.
"Es gibt in Deutschland historisch wenig Respekt für Kleinräder"
SAZbike: Welche Rolle spielt der deutsche Markt?
Butler-Adams: Vor sieben Jahren haben wir entschieden: Wenn wir ein globales Unternehmen sein wollen, kann Großbritannien nicht unser größter Markt bleiben.
Wir haben Deutschland, China und die USA priorisiert. Deutschland hat eine reife Fahrradkultur, war beim Thema E-Bike weltweit Vorreiter bei Qualität und Infrastruktur. Allerdings gibt es in Deutschland historisch wenig Respekt für Kleinräder - "das fuhr die Oma".
Deshalb haben wir die "G Line" entwickelt: speziell für den deutschen Markt, mit einem bombenfesten Antrieb. Die elektrische "G Line" verkaufen wir in Deutschland umsatzstärker als das klassische Sortiment. Es funktioniert.
SAZbike: Eine persönliche Frage: Sie führen Brompton seit fast 20 Jahren. Was hat Sie in dieser Zeit am meisten begeistert?
Butler-Adams: Diese Branche macht mich persönlich glücklich, weil ich Rad fahre. Ohne das wäre ich ein anderer Mensch. Wenn ich eine Weile nicht auf dem Rad sitze, bekomme ich Entzugserscheinungen. Und dann haben wir 1,2 Millionen Kunden - und ich werde nicht müde, mit jedem zu reden, den ich an einer Ampel auf einem Brompton sehe.
Egal ob in Kanada, Mexiko oder sonst wo. An einem Unternehmen beteiligt zu sein, das Menschen glücklich macht - das ist ein echtes Privileg. Davon werde ich nie genug bekommen.
SAZbike: Herr Butler-Adams, vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Alexander Schmitz. Es erschien zuerst in der SAZbike-Sonderausgabe zur Cyclingworld Europe. Das Heft bietet tiefgehende Analysen sowie exklusive Einblicke in die Trends der Saison und kann dauerhaft im Archiv abgerufen werden.