Messingschlager-CEO Bantle im Interview: „Wir verzichten auf Wachstum zu nicht auskömmlichen Bedingungen“

Nach den Boomjahren hat sich Messingschlager neu aufgestellt. Im SAZbike-Interview erklärt Geschäftsführer Christoph Bantle, warum der Teileimporteur aus Baunach auf seine Kernkompetenz setzt und wo er Chancen im OEM- und Onlinegeschäft sieht.
Christoph Bantle kam im September 2024 zu Messingschlager und ist seit Mai 2025 Geschäftsführer des Fahrradteile-Importeurs aus Baunach bei Bamberg. Zuvor war er unter anderem an der Entwicklung des Brose-E-Bike-Antriebs beteiligt.
SAZbike: Herr Bantle, laut ZIV ist der Fahrradmarkt im ersten Halbjahr 2026 wieder leicht gewachsen. Spüren Sie das?
Christoph Bantle: Wir beobachten zumindest, dass sich die Lieferketten stabilisieren und normalisieren. Als Importeur stehen wir in der Lieferkette sehr weit vorne. Wir sehen den europäischen Markt und können die Entwicklung der Produktgruppen über eine Vielzahl an Kunden analysieren.
Überbestände und Liquiditätsthemen haben auch 2026 zumindest punktuell zu Preisverfall geführt. Davon halten wir uns so gut es geht fern und verzichten auf Wachstum zu Bedingungen, die nicht auskömmlich sind. Je besser uns das gelingt, desto deutlicher sehen wir die Rückkehr zu einem leichten, gesunden Wachstum.
SAZbike: Wo wachsen Sie?
Bantle: Unser stärkster Absatzkanal ist der Großhandel. Das größere Wachstum erzielen wir aber im OEM- und im Onlinegeschäft. Diese Verschiebung stimmt uns zuversichtlich, wir sehen darin ein Zeichen, dass sich die Marktfunktionen nachhaltig erholen.
SAZbike: Messingschlager liefert in über 70 Länder. Welche Märkte laufen gut?
Bantle: In Deutschland sind wir zufrieden, sehen hier aber noch Spätfolgen der Krise. Ähnlich ist es in Osteuropa. In Südeuropa und England sind wir stärker gewachsen und sehen dort weiter großes Potenzial. Deshalb bauen wir in diesen Regionen gerade unseren Vertrieb aus.
Insgesamt rücken wir näher an den Kunden und haben das Vertriebsteam verstärkt. Den persönlichen Kontakt halten wir für einen wichtigen Faktor.
Man muss Dinge tun, die man beherrscht.
SAZbike: Sie führen das Unternehmen seit gut eineinhalb Jahren. Was haben Sie vorgefunden?
Bantle: Ein Unternehmen, das wie die ganze Branche durch einen großen Boom gegangen war. Fahrräder und Fahrradteile galten als systemrelevant, alles hat funktioniert, man konnte alles verkaufen. Im Nachhinein betrachtet hat man dabei ein Stück weit den Fokus verloren und sehr viele Dinge angefangen. Ob ich damals anders entschieden hätte, kann ich nicht sagen. Aus heutiger Sicht waren einige Ideen davon falsch. Man muss die Dinge tun, die man beherrscht.
SAZbike: Was beherrscht Messingschlager?
Bantle: Den Einkauf in Asien, und das seit Jahrzehnten. Wir können dort gute Teile finden. Unser Einkaufs- und Qualitätschef Matthias Raab ist mit seinem Team vor Ort unterwegs, kennt die Lieferanten und pflegt enge Partnerschaften. So bekommen wir innovative neue Teile vorgestellt, können die Qualitätsprozesse einsehen und wissen, bei welchem Lieferanten es sich lohnt, ihn weiterzuentwickeln.
SAZbike: Und wenn die Ware in Europa ankommt?
Bantle: Dann geht es um Verzollung und Konformität. Die Anforderungen nehmen stark zu, die EU ist da sehr kreativ und denkt sich ständig Neues aus. Welche Farbstoffe stecken im Griff, welche Baumwolle wurde für einen Reifen verwendet: Das alles muss dokumentiert werden. Für mich gehört das zur Qualität.
Das ist schwierig, aber wir können es, weil wir es täglich für eine Masse an Produkten machen. Wir arbeiten mit Augenmaß, wir sind nicht die Automobilindustrie, in der alles typisiert ist. Aber die Gesetze und Regularien, die es gibt, halten wir selbstverständlich ein. Am Ende stehen Produkte in definierter Qualität zu guten Preisen, die rechtskonform, geprüft und verfügbar sind.

SAZbike: Warum sollte ein Hersteller das nicht selbst machen?
Bantle: Es macht wenig Sinn, wenn sich Fahrradhersteller neben Rahmenkonstruktion, Markenpflege, Vertrieb und Service auch noch um sämtliche Kleinteile kümmern und dafür enormes Fachwissen aufbauen müssen. Wir haben Spezialisten für jedes Bauteil am Fahrrad im Haus, genauso wie für Import und Logistik. Wir ergänzen unsere Kunden verlässlich und langfristig, und am Ende entstehen so bessere Produkte.
SAZbike: Die Insolvenz von Accell hat die Branche verunsichert. Was hat sie aus den Krisenjahren gelernt?
Bantle: Das kann ich nicht für die Branche beurteilen. Wir für uns haben gelernt, dass wir uns auf unsere Kernkompetenz konzentrieren müssen. Bei vielen Kunden sehen wir allerdings, dass sie nachvollziehbarerweise ihre Risiken verringern, sowohl beim Bestand als auch beim Personal, das sie für sämtliche Kompetenzen vorhalten müssten.
Hier kommen wir ins Spiel, als Partner für die C-Teile der Fahrradhersteller, für Groß- und Onlinehändler und für bestimmte Bereiche des Fachhandels. Wer mit uns arbeitet, spart sich den Aufbau eines eigenen Teams und das riskante Vorhalten von Ware. Sourcing und Logistik übernehmen wir. Die Teile kommen containerweise bei uns an, wir lagern sie ein, packen sie um und liefern sie mundgerecht zum gewünschten Zeitpunkt aus. Manche Hersteller lassen sogar ihre Räder über uns bis zum Endkunden ausliefern.
SAZbike: Sie haben auch das Sortiment neu geordnet. Warum?
Bantle: Ich kenne Messingschlager schon lange. Wenn man früher auf den Messestand kam, hat man sich gefragt: Was machen die eigentlich genau? Da gibt es Fahrradteile, aber was genau kann ich da kaufen? Deshalb haben wir das Angebot in drei Säulen gegliedert: Bike Parts, Bike Solutions und Bike Support.
Zu Bike Parts gehören neben vielen Handelsmarken unsere Eigenmarken wie M-Wave und Ventura, die sich erfreulich entwickeln und auf die wir künftig viel Augenmerk legen. Dazu kommt Private Label: Wir entwickeln, gestalten und prüfen Ware nach Kundenwunsch, die der Kunde in seiner Wunschverpackung bekommt. Unter Bike Support fassen wir Kundenservice und Logistik zusammen, bis hin zu zu Montagetätigkeiten von Laufrad über Baugruppen bis zum kompletten Bike. Was wir nicht selbst tun, organisieren wir. Hier sind wir wieder bei der Kernkompetenz.

SAZbike: Messingschlager ist bekannt für seinen gedruckten Katalog. Bleibt der?
Bantle: Ja, wir halten das Kataloggeschäft tatsächlich noch aufrecht, der Katalog entsteht mit viel Liebe zum Detail. Parallel verbessern wir mit Hochdruck unseren digitalen Auftritt. Das mag nach einem Spagat klingen, ist aber keiner. Beides baut auf derselben Kernkompetenz auf: definierte Qualität zum besten Preis. Das eine ist die Bedingung für das andere.
SAZbike: Sie haben bei Brose einen E-Bike-Antrieb zur Serienreife gebracht. Wie blicken Sie heute auf den E-Bike-Markt?
Bantle: Es war eine spannende Zeit. Als wir 2013 den Brose-Antrieb erstmals in einem Rotwild-Mountainbike gezeigt haben, gab es keinen relevanten Markt für E-MTB. Dann kam ein großes Wachstum. Die etablierten Anbieter sind, vielleicht aus Überheblichkeit, unaufmerksam geworden, und neue, innovative Produkte konnten in den Markt kommen.
Daran sieht man: Wer konzentriert arbeitet, kann auch in der Krise stark wachsen. Es liegt wieder an der Kernkompetenz. Wenn wir das tun, was wir besonders gut können, und es permanent optimieren, haben wir Erfolg.

SAZbike: Welche Rolle spielt E-Mobility für Messingschlager?
Bantle: Ob ein Teil für ein analoges oder ein elektrisches Rad gedacht ist, spielt für unsere Beschaffung zunächst keine Rolle, wir beherrschen beides. Unter Bike Solutions bieten wir außerdem E-Bike-Rahmenkits an. Bei einigen Rahmen haben wir in die Entwicklung eingegriffen und kaufen sie exklusiv, die elektrischen Komponenten stimmen wir darauf ab. Ein Beispiel ist ein Kit mit Carbonrahmen und Yamaha-Mittelmotor.
Das richtet sich vor allem an kleinere Hersteller, für die sich die eigene Entwicklung nicht lohnt. Sie sparen enorme Entwicklungszeit und haben Sicherheit bei Qualität und Konformität. Ich gebe zu, daran habe ich Freude. Die Elektromobilität wird für den gesamten Fahrradmarkt eine große Rolle spielen, und wir sehen darin eine große Zukunft.
SAZbike: Die Werkstätten sind ausgelastet. Wird der Aftermarket wichtiger als der Neuradverkauf?
Bantle: Die aktuelle Tendenz kommt aus unserer Sicht vom Anschaffungsboom während Corona. Der Neuradmarkt ist dadurch eine Weile übersättigt, aber die Räder werden gefahren und kommen zum Service.
Wir sind in der glücklichen Lage, dass unser Markt funktioniert. Benzin ist teuer, Bahnen sind voll und verspätet, und das Fahrrad wird selbst für Pendler immer attraktiver. Wir sind überzeugt, dass Neuradverkauf und Aftermarket stabil wachsen werden.

SAZbike: Benno Messingschlager hat das Unternehmen jahrzehntelang geprägt. Was ändert sich in der Führung?
Bantle: Benno Messingschlager hatte den Katalog sozusagen auswendig im Kopf. Er hat das Unternehmen zentral sehr stark geprägt und, würde ich sagen, auf geniale Art weiterentwickelt. Bei der heutigen Größe halte ich es aber für erforderlich, dass nicht einer allein entscheidet, sondern ein Team aus Spezialisten.
Wir treffen uns jede Woche für anderthalb bis zwei Stunden, auch zu strategischen Themen. Wir suchen die beste Idee und diskutieren sie aus, im Zweifel entscheide ich. Dann gehen wir sehr schnell in die Umsetzung, weil fünf Leute ausschwärmen und die Kollegen überzeugen und mitnehmen.
SAZbike: Ihre Grundsätze lauten „Quality, Speed, Exceed“. Welches Versprechen steckt dahinter?
Bantle: In mühsamer Zusammenarbeit haben wir unsere Unternehmenskultur erneuert und festgeschrieben: wie Führungskräfte und Mitarbeiter miteinander umgehen und was wir voneinander erwarten dürfen. Daraus sind die Grundsätze für den Umgang mit Kunden entstanden.
Qualität und Tempo stehen eigentlich im Widerspruch. Ich kann ein Teil so lange optimieren, bis es perfekt ist, und dann will es kein Kunde mehr, weil es veraltet ist. Bin ich zu schnell und die Qualität stimmt nicht, gibt es Probleme.
Unser Ziel ist, die geforderte Qualität auf möglichst effiziente Weise, also rasch, zum Kunden zu bringen und so seine Erwartungen zu übertreffen, jeden Tag ein Stück mehr. Vorher sind wir nicht zufrieden.
SAZbike: Was sollte ein Händler mit Blick auf die Saison 2027 jetzt tun?
Bantle: Er sollte mit uns zusammenarbeiten. Ein Tipp sind unsere Highlights, also Produkte, von denen wir wissen, dass sie im Trend sind. Weil wir ganz am Anfang der Lieferkette stehen, sehen wir, welches Produkt in welchem Marktbereich erfolgreich ist.
Dieses Wissen geben wir als Service an unsere Kunden weiter. Einem Händler ein Produkt zu empfehlen, das er anschließend gut verkauft, ist ein Beispiel dafür, was wir mit „Erwartungen übertreffen“ meinen.