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Zwischenbilanz der Accell-Insolvenz: Lager verkauft, Marken weiter ohne Käufer

Foto: Haibike, pdf

Die Verwalter der Accell-Gruppe machen die Lager zu Geld: In den Niederlanden übernimmt 12Go Biking den kompletten Fahrradbestand, in Großbritannien hat Halfords zugegriffen. Für die Marken liegen 60 Gebote vor, ein Käufer fehlt. Der erste Verwalterbericht zeigt, wer am Ende mitentscheidet.

Acht Tage nach ihrem ersten öffentlichen Bericht haben die Amsterdamer Insolvenzverwalter der Accell-Gruppe den größten Einzelposten der niederländischen Masse verkauft. Wie Thijs Hekman von AKD und Erik Schuurs von Jones Day am 30. September mitteilten, geht der Fahrradbestand von Accell Nederland an den Händler 12Go Biking. Die Einigung sei in Abstimmung mit den Pfandgläubigern zustande gekommen. Zu Preis und Stückzahl machen beide Seiten keine Angaben.

12Go-Geschäftsführer Pieter van den Berg sprach gegenüber der niederländischen Nachrichtenagentur ANP von „einigen Zehntausend“ Rädern und damit vom gesamten Bestand in den Niederlanden. Es geht um Räder der Marken Batavus, Sparta, Koga und Loekie.

Zur Einordnung: Laut Verwalterbericht hatten die Fahrräder der niederländischen Accell-Gesellschaften zum Insolvenzstichtag einen Buchwert von 47,8 Millionen Euro. Wie viel davon seither schon regulär abverkauft wurde, geht aus dem Bericht nicht hervor. Ausdrücklich nicht Teil des Geschäfts sind die Markenrechte und das Teile- und Zubehörgeschäft. Auch dafür gebe es großes Interesse, erklären die Verwalter, nähere Mitteilungen erwarten sie in Kürze.

Foto: www.holland.com | NBTC | marketingdrenthe.nl | pd-f

Kaufen beim Wettbewerber

12Go Biking, gegründet 2002, verkauft vor allem online und betreibt einen großen Laden im südholländischen Moordrecht. Die übernommenen Räder bietet das Unternehmen mit Rabatten im eigenen Shop an und zusätzlich über ein eigenes B2B-Portal anderen Fachhändlern, solange der Vorrat reicht. Begründet wird der Schritt damit, man habe verhindern wollen, dass Batavus-, Sparta- und Koga-Räder außerhalb des Fachhandels in den Markt gelangen. Van den Berg bestätigte zudem, dass 12Go selbst mit den Verwaltern über die Übernahme von Teilen des Konzerns spricht.

In der niederländischen Branche stößt der Deal auf Skepsis. Niek de Bont, Head of Sales bei Tworby, merkte auf Linkedin an, 12Go und Accell seien sich bislang vor allem bei großen Restposten begegnet, oft zu Preisen deutlich unter denen der Vertragshändler. Nun müssten Händler Markenräder ausgerechnet bei einem direkten Wettbewerber einkaufen.

Zudem starte ein künftiger Markeneigentümer in den Niederlanden ohne Ware, während die aktuellen Modelle bereits günstiger bei 12Go stünden.

Bemerkenswert ist der Zeitpunkt. Noch im Bericht vom 22. September hatten die Verwalter einen geordneten Abverkauf über die hauseigene Händlerplattform von Accell beschrieben, abgesichert durch eine Vereinbarung mit den Banken. Acht Tage später ging der niederländische Bestand en bloc an einen einzigen Abnehmer.

Foto: Arne Bischoff, pdf

Halfords übernimmt britisches Lager

Ähnlich verlief es in Großbritannien, allerdings ohne Fortführung. Für die Accell UK & Ireland Ltd, bis Februar 2025 als Raleigh UK Ltd firmiert, wurden am 6. August Oliver Wright, Joanne Hewitt-Schembri und Shamil Malde von FTI Consulting als Administratoren eingesetzt. Aus deren Mitteilung an die Gläubiger, über die die Regionalzeitung Nottingham Post berichtet, geht hervor, dass der Großteil der Räder für 7,23 Millionen Pfund (rund 8,3 Mio. Euro) an die Handelskette Halfords ging.

Neben Raleigh umfasste das Paket Bestände von Haibike, Lapierre, Ghost, Winora und Babboe sowie Ersatz- und Garantieteile. Der Geschäftsbetrieb wurde mit der Bestellung der Verwalter eingestellt, 43 Beschäftigte verloren ihre Stelle, zwei sind noch angestellt. Einem verwertbaren Vermögen von rund 9,1 Millionen Pfund steht demnach eine Deckungslücke von etwa 330 Millionen Pfund gegenüber. Auch die historische Raleigh-Sammlung soll verkauft werden.

Wer über die Marken mitentscheidet

Der erste niederländische Verwalterbericht, veröffentlicht im Insolvenzregister der Rechtspraak, erklärt, warum die Lager so schnell verwertet werden. Accell hing an zwei Finanzierungen. Eine Kreditlinie über 110 Millionen Euro stammt von niederländischen Großbanken und der Deutschen Bank, als Sicherheit dienen die Lagerbestände und Forderungen von Accell Nederland.

Eine zweite Linie über 288 Millionen Euro haben ausländische Investmentfonds gewährt. Ihnen sind unter anderem die Markenrechte, die konzerninternen Forderungen und die Anteile an den niederländischen Gesellschaften verpfändet.

Beide Gläubigergruppen meldeten zum Stichtag einen Zahlungsverzug. Mit den Banken vereinbarten die Verwalter den Abverkauf der Lager, mit den Fonds ein koordiniertes Verkaufsverfahren für die Marken, das FTI Consulting als M&A-Berater begleitet. Die Fonds haben sich dabei vorbehalten, selbst ein Gebot auf Basis ihrer Forderungen abzugeben, falls ihnen die Angebote nicht zusagen. Wer Batavus, Sparta oder Koga kaufen will, verhandelt damit faktisch auch mit den Kreditgebern. Ob deren Sicherheiten wirksam bestellt wurden, wollen die Verwalter noch prüfen.

Foto: Ghost, pdf

60 Gebote, zwei bekannte Namen

FTI sprach mehr als 300 mögliche Käufer an. 103 von ihnen zahlten eine erstattungsfähige Teilnahmegebühr von 20.000 Euro und erhielten Zugang zum Datenraum. Bis zum 31. August gingen 60 unverbindliche Angebote ein, von Geboten auf eine einzelne Marke bis zu Paketen aus mehreren Marken samt Lager und Geschäftsbetrieb. Mit den aussichtsreichsten Bietern verhandeln die Verwalter weiter, Namen nennen sie nicht.

Öffentlich bekannt sind zwei Interessenten. Die irische Quanta Capital hatte Mitte August Interesse an der gesamten Gruppe angemeldet. Die in Singapur börsennotierte Dutech Holdings, seit 2023 Eigentümerin von Prophete, war schon vor der Insolvenz mit Accell im Gespräch.

Das Bundeskartellamt hatte die Übernahme am 8. Juli freigegeben, vollzogen wurde sie nicht. Dutech-Berater Eugène Fierkens darf sich zum Verfahren nicht äußern. Gegenüber SAZbike beschrieb er das geplante Geschäftsmodell lediglich als Kooperationsmodell, das „zu 100 Prozent auf Händlern basiert“.

Wie schwer der Konzern zu zerlegen ist, zeigt der Bericht ebenfalls. Ein großer Teil der Buchhaltung der Auslandsgesellschaften wird aus den Niederlanden gesteuert, Verträge mit IT-Dienstleistern und Versicherern laufen über die niederländischen Gesellschaften. Auch die Händlerplattform, über die Räder und Teile verkauft werden, hat Accell Nederland entwickelt. Die Versicherungsprämien für das laufende Policenjahr waren zum Stichtag unbezahlt, der Schutz besteht laut Bericht dennoch fort.

Foto: Accell

Deutschland: eigenes Verfahren, eigene Investorensuche

Die deutschen Gesellschaften gehen einen separaten Weg. Accell Germany und Winora Staiger (beide Sennfeld), Ghost-Bikes (Waldsassen) und der Teilegroßhändler E. Wiener Bike Parts (Sennfeld) hatten am 5. August beim Amtsgericht Schweinfurt Insolvenz in Eigenverwaltung beantragt. Vorläufiger Sachwalter ist Dr. Stefan Debus von der Kanzlei Müller-Heydenreich Bierbach & Kollegen, die Sanierung begleitet Grub Brugger.

Ziel ist eine Investorenlösung, mit der Haibike, Ghost, Winora und der Teilebereich mit der Marke XLC aus dem Konzern herausgelöst werden. Löhne und Gehälter der rund 370 Beschäftigten sind bis Ende Oktober über das Insolvenzgeld gesichert.

Anfang September versicherte die deutsche Geschäftsführung um Joost van Schaik auf dem Orderfestival von Bike & Co in Kassel, Auslieferung und Produktion liefen weiter. Eine Vereinbarung mit der DZB Bank sichere die Zahlungsabwicklung mit dem Fachhandel. Ganz unabhängig ist das deutsche Geschäft allerdings nicht: Unter den Garanten der 110-Millionen-Linie führt der niederländische Bericht zwei deutsche Konzerngesellschaften.

Lapierre hat sechs Monate Zeit

In Frankreich eröffnete das Handelsgericht Dijon am 25. August ein Sanierungsverfahren (Redressement judiciaire) für Cycles Lapierre. Die Beobachtungsphase läuft sechs Monate, also bis Ende Februar 2027

In dieser Zeit soll das Unternehmen eigenständig werden und einen industriellen oder finanziellen Investor finden. „Die Entscheidung des Gerichts gibt uns genau das, worum wir gebeten hatten: die Möglichkeit und die Zeit zu kämpfen“, erklärte Generaldirektor William Perrier.

Gläubiger und Beschäftigte

In den Niederlanden kündigten die Verwalter am 13. August allen 344 Beschäftigten, 65 von ihnen erhielten befristete Zweimonatsverträge für den Abverkauf. Die meisten Mietverträge sind gekündigt, gehalten wird vorerst nur der Lagerstandort Apeldoorn.

Bislang haben 434 ungesicherte Gläubiger Forderungen über 38,5 Millionen Euro angemeldet, das Finanzamt macht bevorrechtigt 9,5 Millionen Euro geltend. Rund 60 Lieferanten berufen sich auf Eigentumsvorbehalte. Die Ursachen der Insolvenz wollen die Verwalter erst noch untersuchen.

Der nächste Bericht ist für den 22. Dezember 2026 angekündigt. Für den Fachhandel kommt das spät, die Vororder für 2027 läuft längst. Bis dahin müssen Händler disponieren, ohne zu wissen, wem die Marken gehören werden, die sie im Laden haben.

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