
Die Accell-Insolvenz und die Folgen für das Leasing
Lieber SAZbike Leser,
die Insolvenz der Accell Group sorgt für Unsicherheit in der Fahrradbranche. Noch ist nicht klar, wie es zukünftig weitergehen wird. Zusätzlichen Wirbel ist nun um das Dienstrad-Leasing mit Rädern der Marken aus dem niederländischen Konzern entbrannt, da zwei Leasing-Anbieter vorübergehend diese aus ihrem Portfolio entnommen haben.
Online kursierten daraufhin Gerüchte, dass weitere Leasing-Anbieter diesem Schritt folgen könnten. SAZbike hat daher bei zehn Leasing-Anbietern und beim Fachhandelsverband VSF nachgefragt. Das Ergebnis: Von zehn Anbietern schließen nur zwei die Marken aktuell aus. Acht führen sie unverändert weiter. Mehr dazu im heutigen SAZbike Premium Newsletter.
Viele Grüße
Alexander Schmitz
Chefredakteur SAZbike

Alexander Schmitz
Chefredakteur, SAZbike


Die Ausschließer
Businessbike und Lease a Bike, beide Teil der Pon Bike Group, haben Accell-Marken vorübergehend aus dem Leasing genommen. Beide begründen den Schritt identisch: Sicherheit bei Garantie-, Produkthaftungs- und Gewährleistungsfällen habe für sie höchste Priorität.
Beide betonen den vorübergehenden Charakter der Entscheidung und stellen eine Wiederaufnahme in Aussicht, sobald die langfristige Kontinuität der Marken gesichert ist. Serviceleistungen mit Ersatzteilen der betroffenen Marken bleiben bei beiden unberührt.


Foto: Linexo
Die Fachhandelstreuen
Linexo positioniert sich am deutlichsten fachhandelsnah. Bereichsleiter Sören Hirsch macht klar: "Wir lassen unsere Fachhandelspartner in dieser Situation nicht allein." Ein voreiliger Ausschluss der Accell-Marken, so Hirsch, würde vor allem diejenigen treffen, die mit der unternehmerischen Situation des Herstellers unmittelbar nichts zu tun haben, die Fachhandelspartnerinnen und -partner selbst. Viele Händlerinnen und Händler hätten Accell-Räder bereits im Bestand, bestellt und beraten Kundschaft dazu, sie sollen diese Räder nach seinen Worten auch weiterhin verkaufen und verleasen können. Hirsch betont zugleich, dass die Entscheidung keine Unterschätzung der Lage bei Accell bedeute: Linexo bewerte laufend mögliche Auswirkungen auf Lieferfähigkeit, Service, Ersatzteilversorgung und die Zukunft der einzelnen Marken. Sein Fazit: "Fachhandelstreue zeigt sich für uns nicht dann, wenn alles problemlos läuft. Sie zeigt sich gerade dann, wenn der Markt vor Herausforderungen steht."
Deutsche Dienstrad begründet die Entscheidung auch persönlich. "Das ist zunächst eine traurige Nachricht für die gesamte Branche", sagt Geschäftsführerin Christina Puello. Winora sei "ein großes Stück Familiengeschichte", auch wenn sich die Familie längst aus dem operativen Geschäft zurückgezogen habe, den Marken jetzt den Rücken zu kehren, käme für sie deshalb nicht infrage. Puello verweist zudem auf die rund 370 Mitarbeitenden am Winora-Standort Schweinfurt, denen sie im Fall einer Sanierung oder Übernahme einen Neuanfang wünscht. Am eigenen Kurs würde eine Rettung nichts ändern: "Wir stehen schon heute zu diesen Marken und eben zum Fachhandel. Dabei bliebe es auch nach einer Übernahme."
Eurorad nimmt eine strukturelle Sonderrolle ein. Da Nutzende die Marke frei aus dem Sortiment von über 5.000 angeschlossenen Fachhändlerinnen und Fachhändlern wählen, gebe es kein eigenes Markenportfolio zu bereinigen, so Geschäftsführer Thomas Wiesel. Wichtig sei stattdessen Aufklärung: Bei einem über 36 Monate laufenden Dienstrad-Vertrag sollten Nutzende wissen, dass die freiwillige Herstellergarantie im Insolvenzfall zu einer ungewiss zu bearbeitenden Forderung wird, während die gesetzliche zweijährige Gewährleistung gegenüber dem Händler unberührt bleibt. Wiesel ordnet den Fall zudem in einen größeren Zusammenhang ein: Falle eine etablierte europäische Marke weg, werde die entstehende Lücke erfahrungsgemäß häufig von global aufgestellten Herstellern mit hoher Skaleneffizienz gefüllt, was langfristig ein Risiko für die Innovationskraft der europäischen Fahrradindustrie und den auf sie angewiesenen Fachhandel darstelle.
Rad im Dienst verfolgt einen praktischen Mittelweg. Dienstrad-Nutzende werden vor Vertragsabschluss über den offenen Ausgang des Insolvenzverfahrens informiert und müssen aktiv bestätigen, dass sie diesen zur Kenntnis genommen haben, bevor der Leasing-Prozess fortgesetzt wird. Für den Partnerhandel selbst ändere sich laut Chief Sales Officer Sebastian Pangels dagegen nichts: Räder der betroffenen Marken könnten unverändert vermittelt werden, auch bei Vermittlungsprämie, Abwicklungspauschale, Inspektionsertrag und Reparaturbonus gebe es keine Einschränkungen. Eine Streichung der Marken aus dem Portfolio würde aus Sicht von Rad im Dienst lediglich die Auswahl der Nutzenden einschränken, ohne deren Situation zu verbessern, weshalb man diese Entscheidung bewusst nicht treffen wolle, solange der Ausgang des Verfahrens offen ist.
Jobrad geht in seiner Stellungnahme am weitesten und positioniert sich explizit gegen den Ansatz der beiden Ausschließer. Bereichsleiter Partnermanagement Andreas Hennemann hält es für falsch, den Fachhandel durch vorschnelle Einschränkungen oder Auslistungen unter Druck zu setzen. Eine Herstellerinsolvenz bedeute nicht automatisch, dass betroffene Räder nicht mehr genutzt, gewartet oder repariert werden könnten. Hennemann verweist auf die eigene Marktrolle: Rund jeder fünfte in Deutschland für Fahrräder ausgegebene Euro entfalle auf über Jobrad geleaste Räder. Explizit wendet er sich gegen Wettbewerber, die die Situation zum Anlass nehmen, die Zusammenarbeit mit Accell-Marken einzuschränken: "Aus unserer Sicht sollten konkrete Auswirkungen für Handel sowie Kundinnen und Kunden ausschlaggebend sein, nicht die Insolvenz als solche."
Eleasa nimmt weiterhin Neugeschäft für Accell-Marken an. Teamleiter Fachhandel Max Cording betont die enge, aktive Partnerschaft mit dem Fachhandel als oberste Priorität und kündigt an, die Entwicklung genau zu beobachten und die eigene Position bei Bedarf laufend anzupassen, sollte sich die Lage verändern.
Bikeleasing-Service sieht nach aktuellem Stand keine Auswirkungen auf Qualität, Sicherheit oder Nutzbarkeit der Räder und weist explizit darauf hin, dass Fachhandelspartnerinnen und -partner bei künftigen Einschränkungen auf alternative Bezugs- und Servicelösungen zurückgreifen könnten.
Green Mobility verweist auf den nicht unerheblichen Anteil an Accell-Ware im Lager des Fachhandels und will die Situation in einer ohnehin schwierigen Phase nicht zusätzlich verschärfen.


Foto: VSF
Die Einordnung des Fachhandels
Der VSF bewertet das Vorgehen der beiden Ausschließer kritisch. Geschäftsführer Uwe Wöll spricht von einem wirtschaftlich nachvollziehbaren, aber unpartnerschaftlichen Schnitt ohne Rücksicht auf den Fachhandel.
Besonders betroffen seien Händlerinnen und Händler mit hohem Anteil an Accell-Marken im Sortiment: Bereits bestellte und eingelagerte Ware verliere über Nacht einen wichtigen Absatzweg, im schlechtesten Fall drohten Rabattschlachten und Margenverlust. Der VSF fordert von den Leasing-Anbietern zeitlichen Vorlauf, verlässliche Übergangsregelungen und einen Bestandsschutz für bereits angestoßene Leasing-Vorgänge.

Was bleibt
Die Online-Befürchtung vor weiteren negativen Folgen der Accell-Insolvenz speziell für das Leasing lässt sich nicht bestätigen. Acht von zehn Anbietern stehen weiterhin zu den Accell-Marken, nicht umgekehrt. Der berüchtigte Dominoeffekt bleibt bislang aus.
Trotzdem zeigt die Umfrage eine echte Bruchlinie: Businessbike und Lease a Bike, beide Teil der Pon Bike Group, haben sich unabhängig von den übrigen acht Anbietern für den Ausschluss entschieden. Das betrifft konkret Händlerinnen und Händler mit hohem Accell-Anteil im Bestand, genau die Gruppe, vor der der VSF warnt.
Für den Fachhandel lohnt sich deshalb ein Blick auf die eigenen Leasing-Verträge: Wer weiß, mit welchem Anbieter er aktuell arbeitet und wie dieser zu Accell-Marken steht, kann Kundenanfragen zu betroffenen Modellen von vornherein sicher beantworten, statt im Beratungsgespräch selbst erst nachschauen zu müssen.
Die eigentlich spannendere Frage bleibt aber die nach Accell selbst: Fast alle befragten Anbieter stellen ihre aktuelle Position unter den Vorbehalt einer Sanierung oder Übernahme. Wie es um eine Rettung tatsächlich steht und welche Investoren infrage kommen, dürfte damit in den kommenden Wochen stärker über die Zukunft der Marken entscheiden als die Haltung der Leasing-Anbieter.
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