Accell erhält Zahlungsaufschub: Niederländischer Fahrradkonzern weiterhin in finanzieller Schieflage

Accell hat für seine niederländischen Gesellschaften einen vorläufigen Zahlungsaufschub erhalten. Nach gescheiterten Gesprächen mit Investoren und der Prüfung einer Fusion sieht der Fahrradkonzern jedoch keine tragfähige Lösung für eine Fortführung in der bisherigen Form.
Der niederländische Fahrradkonzern Accell hat für die Accell Group Holding B.V. und seine weiteren niederländischen Gesellschaften einen vorläufigen Zahlungsaufschub beantragt und erhalten. Nach Angaben des Unternehmens können die betroffenen Gesellschaften ihre fälligen finanziellen Verpflichtungen nicht mehr erfüllen.
Suche nach Investoren bleibt ohne Ergebnis
Der Schritt folgt auf eine mehrmonatige Prüfung strategischer Alternativen. Accell und seine Berater führten Gespräche mit mehreren Interessenten, bewerteten verschiedene Angebote und bemühten sich um die regulatorische Freigabe für einen möglichen Zusammenschluss.
Auch eine Übernahme durch die Dutech Holdings, bei welcher das Bundeskartellamt keine wettbewerblichen Bedenken feststellen konnte, stand vor kurzem im Raum. Eine Lösung, mit der die Gruppe in ihrer bisherigen Form fortgeführt werden könnte, kam jedoch bislang nicht zustande. Damit seien lokale Insolvenzverfahren für die betroffenen Gesellschaften der notwendige nächste Schritt, teilt Accell nun mit.
Zum Markenportfolio des Konzerns gehören unter anderem Haibike, Winora, Ghost, Batavus, Koga, Lapierre, Raleigh, Sparta, Babboe und die Teilemarke XLC. Noch ist offen, welche Gesellschaften, Marken und Geschäftsbereiche von den weiteren Verfahren konkret betroffen sein werden.
"Das ist angesichts der geleisteten Arbeit und der Fortschritte bei der operativen und finanziellen Restrukturierung eine zutiefst traurige und frustrierende Situation", sagt Jonas Nilsson, CEO von Accell. Alle realistischen Optionen für die Zukunft seien geprüft worden, hätten aber keine Lösung für eine Fortführung der Gruppe in ihrer gegenwärtigen Form ergeben.
Der unmittelbare Fokus liege nun auf einem geordneten Verfahren. Gemeinsam mit den gerichtlich bestellten Verwaltern wolle Accell nach Möglichkeit wirtschaftlich tragfähige Aktivitäten und Arbeitsplätze erhalten sowie Beschäftigten, Gläubigern, Kunden, Lieferanten und Geschäftspartnern Klarheit verschaffen.

Foto: Acell Group
Übernahme auf dem Höhepunkt des Fahrradbooms
Ein von der US-Beteiligungsgesellschaft KKR angeführtes Konsortium, dem auch der niederländische Investor Teslin Capital Management angehörte, übernahm Accell im Jahr 2022. Das öffentliche Kaufangebot bewertete die Aktien des Unternehmens mit rund 1,56 Milliarden Euro. Unter Einbeziehung der Finanzierung wurde die Transaktion mit etwa 1,8 Milliarden Euro beziffert. Im Juni 2022 kontrollierte das Konsortium 96,9 Prozent der Anteile und leitete anschließend den vollständigen Rückzug Accells von der Börse ein.
Das Konsortium finanzierte die Übernahme mit rund 1,1 Milliarden Euro Eigenkapital und etwa 700 Millionen Euro Fremdkapital, das von Accell übernommen wurde. Die daraus resultierende Verschuldung traf den Konzern zu einem Zeitpunkt, an dem sich die Bedingungen in der europäischen Fahrradbranche grundlegend verschlechterten.
Kurz nach dem Abschluss der Transaktion geriet die Branche in einen lang anhaltenden Abschwung. Hohe Lagerbestände bei Herstellern und Handel, umfangreiche Rabattaktionen sowie eine sinkende Konsumnachfrage belasteten Umsätze, Margen und Liquidität.
Während der Pandemie fehlten zudem einzelne Bauteile, zugleich wurden andere Komponenten in großen Mengen bestellt. Als sich die Lieferketten normalisierten, trafen hohe Warenbestände auf eine deutlich schwächere Nachfrage. Um die Lager zu reduzieren, musste Accell Fahrräder und Komponenten mit erheblichen Preisnachlässen verkaufen und Bestände abwerten.

Babboe-Rückruf verursachte zusätzliche Belastungen
Zu den Marktproblemen kam Anfang 2024 die Krise bei der Accell-Lastenradmarke Babboe. Die niederländische Aufsichtsbehörde stoppte den Verkauf bestimmter Modelle wegen möglicher Rahmenbrüche und ordnete Rückrufe an. Babboe setzte daraufhin vorsorglich den Verkauf sämtlicher Lastenräder aus. In mehreren europäischen Ländern wurden betroffene Modelle zurückgerufen oder einer Sicherheitsprüfung unterzogen.
Erste Rekapitalisierung reduzierte Schulden um 600 Millionen Euro
KKR und Teslin stellten Accell ab Mitte 2023 zusätzliche Darlehen von mehreren hundert Millionen Euro zur Verfügung. Dennoch reichten die Mittel nicht aus, um die finanzielle Lage dauerhaft zu stabilisieren. Im Oktober 2024 vereinbarte Accell mit seinen Finanzgläubigern eine umfassende Rekapitalisierung. Die Verschuldung der operativen Gruppe sollte von 1,4 Milliarden auf rund 800 Millionen Euro sinken. Zusätzlich wurden 235 Millionen Euro an neuer Liquidität bereitgestellt und die Laufzeiten der verbleibenden Verbindlichkeiten bis 2030 verlängert.
Das zuständige englische Gericht genehmigte die Vereinbarung im Januar 2025, im Februar wurde sie abgeschlossen. Accell bezeichnete die neue Kapitalstruktur damals als Grundlage für eine stabilere finanzielle und operative Entwicklung.
Parallel dazu straffte der Konzern seine Produktions- und Markenstruktur. Die Fahrradproduktion in Heerenveen wurde schrittweise in andere europäische Werke verlagert. Anfang 2026 verkaufte Accell zudem die Titanradmarke Van Nicholas sowie die Fahrradmarke Nishiki. Zudem vollzog der Konzern mehrere personelle Veränderungen.

Eigentum ging im Februar 2026 an Kreditgeber über
Die erste Rekapitalisierung brachte jedoch keine dauerhafte Entlastung. Im Februar 2026 verständigte sich Accell erneut mit Anteilseignern und Kreditgebern auf zusätzliche Finanzmittel und einen weiteren deutlichen Schuldenabbau. Im Zuge dieser zweiten Vereinbarung ging das Eigentum am Konzern auf bestehende Kreditgeber über. KKR und Teslin schieden damit als Eigentümer aus. Die neue Struktur war nach Angaben Accells von Beginn an nicht als langfristige Lösung vorgesehen.
Noch am 16. April 2026 erklärte Accell die operative Transformation für weitgehend abgeschlossen und verwies auf ein stärker fokussiertes Markenportfolio, eine integrierte Plattform und neue Produkte für die Saison 2027. Weniger als vier Monate später teilt der Konzern nun mit, dass die Gespräche mit Interessenten, die Prüfung mehrerer Angebote und die Vorbereitung einer möglichen Fusion zu keiner tragfähigen Lösung für die Fortführung in der bisherigen Form geführt hätten.
Investoren verlieren mehr als eine Milliarde Euro
Für die früheren Eigentümer ist die Übernahme mit erheblichen Verlusten verbunden. Nach Berechnungen der "Financial Times" verloren KKR und die beteiligten Investoren ihren vollständigen Eigenkapitaleinsatz von rund 1,1 Milliarden Euro. Hinzu kommen mehrere Hundert Millionen Euro, die während der Krise in Form zusätzlicher Finanzierungen bereitgestellt wurden. Auch Kreditgeber müssen angesichts der wiederholten Schuldenreduzierungen und des nun eingeleiteten Verfahrens mit weiteren Ausfällen rechnen.
Wie es mit den einzelnen Marken, Produktionsgesellschaften und Vertriebsaktivitäten weitergeht, hängt nun vom Verlauf der Verfahren und den Entscheidungen der gerichtlich bestellten Verwalter ab. Accell kündigte an, weitere Informationen zu veröffentlichen, sobald diese vorliegen.
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