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Nach dem Boom: Taiwans Fahrrad-Industrie verliert ihr altes Gleichgewicht

Giant-Laden in der Atlstadt von Taipeh. Der Gigant von Taiwans Fahrrad-Industrie taumelt.
Foto: Moritz Diethelm

Sinkende Exporte, fallende Aktienkurse und eine verschobene Wertschöpfung im E-Bike stellen Taiwans Fahrradindustrie vor eine strukturelle Bewährungsprobe. Die Diagnose fällt in Taiwan selbst ungewöhnlich deutlich aus. Einen Ausweg bieten digitale und gesundheitsnahe Ansätze.

Taiwan exportierte einst rund zehn Millionen Fahrräder pro Jahr. Laut Angaben des taiwanischen Fahrzeugindustrieverbands fiel diese Zahl zuletzt erstmals unter eine Million Einheiten. Die Exporterlöse sanken innerhalb weniger Jahre von rund 950 Milliarden Neutaiwan-Dollar auf etwa 546 Milliarden. Der Rückgang betrifft sowohl Komplettfahrräder als auch Komponenten und zieht sich inzwischen über drei Jahre.

Diese Entwicklung spiegelt sich auch in den Finanzmärkten. Die beiden Leit-Unternehmen Giant und Merida melden weiterhin Gewinne, ihre Aktienkurse sind jedoch auf Niveaus zurückgefallen, die zuletzt vor mehr als einem Jahrzehnt erreicht wurden.

Taiwans Analysten interpretieren das als Vertrauensverlust - weniger als Reaktion auf einzelne Geschäftsjahre, sondern auf die Frage nach der langfristigen Tragfähigkeit des bisherigen Modells.

Rennrad-Fahrer in Taipeh.
Foto: Moritz Diethelm

Das Ende eines vertrauten Systems

Über lange Zeit beruhte Taiwans Erfolg auf einem klaren industriellen Gefüge. Große Marken fungierten als Taktgeber, Zulieferer ordneten sich in ein eng verzahntes Netzwerk ein. Dieses Modell setzte auf gemeinsame Standards, Informationsaustausch und eine starke interne Koordination.

Eine aktuelle Analyse des taiwanesischen Wirtschaftsmagazins Business Weekly beschreibt dieses Gefüge jedoch nicht mehr als Schutz, sondern als Risiko. Viele Zulieferer hätten sich zu stark auf bestehende Abnahme-Beziehungen verlassen und zu spät auf veränderte Marktbedingungen reagiert. Die Erwartung, dass große Marken auch in schwierigeren Phasen Aufträge sichern würden, habe notwendige Anpassungen verzögert.

Hinzu kamen externe Veränderungen, die lange unterschätzt wurden. Zum einen der Aufstieg chinesischer Anbieter im mittleren und oberen Segment, zum anderen der technologische Wandel im E-Bike-Markt. Beides traf eine Industrie, die stark auf ihre historische Fertigungsstärke setzte.

Ein altes Giant-Mountainbike am Straßenrand in Taipeh. Auch Taiwans Radfahrer bevorzugen vermehrt das E-Bike.
Foto: Moritz Diethelm

E-Bikes verschieben die Wertschöpfung

Besonders deutlich wird der Strukturbruch beim E-Bike. Während Taiwan traditionell bei Rahmenbau, Mechanik und Montage stark ist, liegt die Kontrolle über zentrale Schlüsselkomponenten zunehmend außerhalb des Landes. Motoren, Batterien, Steuerungen und Software definieren heute Entwicklungszyklen und Produktarchitekturen.

Die taiwanische Analyse beschreibt dies als doppelte Entkopplung: geografisch, weil Teile der Wertschöpfung verlagert sind, und technologisch, weil Systemkompetenz nicht mehr zwingend aus der Fahrradindustrie selbst kommt. Die Folge ist eine geringere strategische Kontrolle bei gleichzeitig hoher Abhängigkeit von externen Systemanbietern.

Auch europäische Marktdaten stützen dieses Bild. Bike Europe weist für 2024 einen massiven Rückgang taiwanischer E-Bike-Exporte aus, während der europäische Markt stärker von Systemlieferanten geprägt wird. Parallel dazu zeigen ZIV-Daten, dass der deutsche Markt 2024 vor allem aus Lagern beliefert wurde und Neuimporte deutlich zurückgingen.

Rennradfahrer am Smartphone in Taipeh. Digitalisierung und Gesundheit könnten ein Ausweg aus der Krise der taiwanesischen Rad-Industrie sein.
Foto: Moritz Diethelm

Fertigung bleibt relevant - aber nicht mehr ausreichend

Die taiwanische Analyse stellt die industrielle Kompetenz nicht infrage. Qualität, Prozesssicherheit und Produktionsgeschwindigkeit gelten weiterhin als Stärken. Gleichzeitig wird betont, dass diese Fähigkeiten allein keine Wachstumsstrategie mehr darstellen.

Insbesondere kleinere und mittlere Zulieferer geraten unter Druck. Sie verfügen häufig nicht über die Ressourcen, um eigene Systemlösungen, Software oder datenbasierte Dienste zu entwickeln. Damit verstärkt sich die Konsolidierung innerhalb der Branche - und die Abhängigkeit von wenigen großen Abnehmern.

Digitalisierung als Reaktion, nicht als Realität

Vor diesem Hintergrund gewinnen Digitalisierung, Vernetzung und Gesundheit in Taiwan an Aufmerksamkeit. Staatliche Programme und Brancheninitiativen verknüpfen Fahrrad, Bewegung, Prävention und digitale Anwendungen. Das Fahrrad wird dabei als Schnittstelle zwischen Mobilität und Gesundheit gedacht.

Diese Ansätze befinden sich überwiegend im Aufbau oder in der Pilotphase. Sie generieren bislang weder vergleichbares Volumen noch stabile Erträge. Digitalisierung erscheint damit weniger als Lösung, sondern als mögliche Richtung, um die Abhängigkeit vom reinen Fertigungsgeschäft zu reduzieren.

Bikesharing ist ein taiwanesisches Erfolgsmodell.
Foto: Moritz Diethelm

Offene Fragen für die nächsten Jahre

Die taiwanische Debatte vermeidet einfache Schlussfolgerungen. Sie beschreibt eine Branche, die lange von ihrem eigenen Erfolg getragen wurde und nun gezwungen ist, ihre Rolle neu zu definieren. Ob daraus eine Erneuerung entsteht oder ein schleichender Bedeutungsverlust, ist offen.

Fest steht: Das Modell, mit dem Taiwan über Jahrzehnte die globale Fahrradindustrie prägte, funktioniert unter den aktuellen Marktbedingungen nicht mehr uneingeschränkt. Die kommenden Jahre entscheiden darüber, ob neue Kompetenzen rechtzeitig aufgebaut werden - oder ob andere Regionen diese Position dauerhaft übernehmen.

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