Helme und Anschnallgurte nutzen 26.03.2024, 12:23 Uhr

Verkehrssicherheitsrat: Politik muss beim Lastentransport durchgreifen

Nach der Lastenradstudie der UDV fordert der Deutsche Verkehrssicherheitsrat das Bundesverkehrsministerium zum Handeln auf. Zukunft Fahrrad kritisiert die Studie. Ernst Brust meint: Lastenräder haben ein ganz anderes Sicherheitsproblem.
(Quelle: DVR / BMDV)
Zur Untersuchung der Unfallforschung der Versicherer (UDV) zur Beförderung von Kindern auf dem Lastenfahrrad sagt Manfred Wirsch, Präsident des Deutschen Verkehrssicherheitsrats (DVR): „Lastenräder, insbesondere solche mit elektrischer Tretunterstützung, erfreuen sich großer Beliebtheit bei Familien mit Kindern. Damit es wegen der zunehmenden Verbreitung nicht zu einem gefährlichen Unfallgeschehen kommt, sollte der Verordnungsgeber einen rechtlichen Rahmen für die sichere Beförderung von Kindern schaffen. Der DVR hat bereits im Jahr 2021 darauf hingewiesen, dass die Regelungen für die Mitnahme von mehreren Kindern auf Fahrrädern in der StVO zu präzisieren sind. Fahrräder zum Transport von Gütern oder Personen, die für die Mitnahme von Kindern bis 7 Jahre konzipiert sind, sollten dabei entsprechende Sicherheits- und Rückhalteeinrichtungen vorweisen. Das Bundesverkehrsministerium ist daher aufgefordert, die vorhandene Regelungslücke möglichst schnell zu schließen.“

Rechtslücke bei Helmen und Anschnallgurten

Die Mitnahme von Kindern im Lastenrad ist rechtlich weitgehend unreguliert. Es besteht keine Helmpflicht für Passagiere und auch keine Pflicht zur Nutzung der Gurte. Zwar werden alle Lastenräder für den Kindertransport mit Gurten ausgeliefert, weiterhin rät die noch geltende Deutsche Industrie Norm 79010 ausdrücklich zur Nutzung der Gurte. Es gibt aber keine Pflicht, nach der etwa die Polizei beim Kindertransport ohne Gurte einschreiten könnte, so wie beim Auto. 
Die fehlende Regulation hatte auch die UDV in ihrer Studie ausdrücklich kritisiert und die Politik zum Handeln aufgefordert. Was sonst kann hier gemeint sein als eine Verschärfung der Regeln? Die UDV hatte auch die Eltern in die Pflicht genommen: „Zudem müssen die Erwachsenen besser auf Helm und Gurte achten: Jedes zweite Kind trägt im Anhänger keinen Helm, fast jedes vierte ist nicht oder nicht korrekt angegurtet.“ Weiter hatte die UDV eindeutig den Zusammenhang zwischen nachlässigen Eltern und Verletzungen der Kinder dargestellt. 

Lastenrad aus UDV-Studie mit Verkaufstopp belegt?

Der Lastenradexperte Arne Behrensen, Senior Expert Transportwende bei Zukunft Fahrrad, ist überzeugt: Das in der Studie herangezogene Lastenrad war ein Babboe, Modell „Curve“. Auch für dieses Lastenrad hat der Hersteller einen vorübergehenden Verkaufsstopp verhängt und die Kundschaft aufgefordert, das Rad vorübergehend nicht mehr zu nutzen. Ohnehin seien die Erkenntnisse aufgrund der breiten Marktvielfalt nur begrenzt übertragbar auf andere Hersteller und Umkippen in der Praxis kein Problem, weil Eltern die Räder umsichtig fahren.
Die UDV nennt den Hersteller nicht, beharrt aber darauf, dass die Ergebnisse sich auf andere Lastenräder übertragen lassen. Andere Hersteller sehen das aber selbstverständlich anders: Die Ergebnisse sind nicht übertragbar. Hier wird es wahrscheinlich keinen Konsens geben.

Ernst Brust: Lastenräder haben anderes Sicherheitsproblem

Der Fahrradgutachter und Sicherheitsexperte Ernst Brust (Velotech.de) pflichtet Behrensen bei: Die Fahrweise von Eltern ist so sicher, dass die in der Studie angesprochene Umkippgefahr in der Praxis keine Rolle spielt. Brust sieht völlig andere Probleme bei vielen Lastenrädern: Sie sind bruchgefährdet. Betroffen sind solche Lastenräder, bei denen (ähnlich wie aktuell bei Babboe) der vordere Teil und der hintere Teil lediglich über ein Hauptrohr verbunden sind. Besonders wenn auch noch Bohrungen, etwa für Leitungen, im Rohrquerschnitt auf 6 Uhr oder auf 12 Uhr sitzen. „Qualitätshersteller achten darauf, aber insgesamt kommen falsch gesetzte Bohrungen am einzigen Hauptrohr viel zu oft vor. Sicherer sind Lastenrädern mit zwei Verbindungsrohren zwischen Vorder- und Hinterteil sowie seitlichen Bohrungen“, rät Ernst Brust.

Schlagzeilen nutzen, Kampagne starten

Die Fahrradbranche könnte die mit negativer Presse verbundene hohe Aufmerksamkeit nutzen für eine gemeinsame Kampagne zur Sicherheit von Kindern beim Lastenradtransport: Helme und Gurte müssen genutzt werden! Gefordert wird dies schon lange, etwa von der Bundesanstalt für Straßenwesen. Verbände und Hersteller sowie Organisationen innerhalb (Fahrrad und Familie) und außerhalb der Fahrradbranche würden jetzt gratis soviel Gehör finden, wie es ohne die UDV-Studie nicht möglich gewesen wäre. Dass dies gelingen kann, haben diverse Helmkampagnen und die nachweislich gestiegene Helmquote gezeigt.



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